Vorbestehende Hypertonie in der Schwangerschaft

Synonyme: Hypertonus, arterielle Hypertension, Bluthochdruck, Hochdruckkrankheit

Definition

Vorbestehende Hypertonie in der Schwangerschaft

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Die vorbestehende Hypertonie in der Schwangerschaft bezieht sich auf die Erhöhung des arteriellen Bluthochdrucks auf ≥ 140 mmHg systolisch und/oder ≥ 90 mmHg diastolisch.

Eine vorbestehende Hypertonie führt zu einer Risikoschwangerschaft.


Ätiologie

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Ursachen der vorbestehende Hypertonie in der Schwangerschaft sind:

Primäre Hypertonie: essentielle Hypertonie (90%)

  • Unbekannte Ursache
  • Häufiges Auftreten assoziiert mit Adipositas, Typ-2-Diabetes, Hyperlipoproteinämie, Hyperurikämie, metabolischem Syndrom

Sekundäre Hypertonie:

  • Endokrin z.B. bei Hyperthyreose etc.
  • Renal
  • Medikamentös oder alimentär z.B. bei Alkohol
  • Kardiovaskulär z.B. bei Aortensklerose
  • Neurogen z.B. bei Hirndrucksteigerung

Epidemiologie

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Genaue epidemiologische Daten zu einer vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft liegen derzeit nicht vor.


Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Vorbestehende Erkrankungen bekannt? Diabetes mellitus? Bluthochdruck?
  • Medikamentenanamnese? Welche Medikamente vor und während der Schwangerschaft eingenommen?
  • Schwindel? Kopfschmerzen?
  • Weitere Symptome? Ödeme? Bauchschmerzen speziell über der Leber?
  • Nikotin-, Kaffee-, Alkoholkonsum? Drogen?
  • Familienanamnese?

Diagnostik

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Die Diagnostik der vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft umfasst:
  • Klinische Untersuchung
  • Blutdruckmessung 3x zu mindestens 2 verschiedenen Zeitpunkten an beiden Armen
  • 24-h-Blutdruckmessung
  • Labor: Urinanalyse, Urinkultur, Kreatinin, Glucose, Elektrolyte; bei Proteinurie: Proteinbestimmung im 24h-Sammelurin [2]
  • EKG: Hypertrophie- oder Ischämiezeichen?

evtl. zusätzlich:

  • Herzecho
  • Farbduplexsonographie der Nieren (ausgeschlossen werden sollte eine sekundäre Hypertonie, besonders bei fehlenden Risikofaktoren)
  • Augen-Konsil: Augenhintergrund

Klinik

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Die Symptome der vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft sind sehr variabel, zum Teil herrscht eine unspezifische Klinik vor:

  • Oft symptomlos
  • Schwindel
  • Kopfschmerz
  • Sehstörungen
  • Endorganschäden: Visusminderung, Herz-, Nieren-, Gehirnschäden

Therapie

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Trotz der Risiken und Komplikationen, die mit einer vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft verbunden sind, wird eine Therapie in der Schwangerschaft (bei noch fehlenden Komplikationen) kontrovers diskutiert (s.u.).

Bei einer unkomplizierten leichten vorbestehenden Hypertonie in der Schwangerschaft kann die antihypertensive Therapie bei normotensiven Werten zunächst reduziert oder abgesetzt werden (unter strenger Kontrolle des Blutdrucks). [2,3]

Cave: im 2. Trimenon erfolgt häufig ein physiologischer RR-Anstieg, der überwacht und ggf. behandelt werden sollte.

Therapie der leichten und mäßigen vorbestehenden Hypertonie (140-159 mmHg systolisch und 90-99 mmHg diastolisch):

  • unklare Datenlage
  • kontrollierte Studien konnten nicht zeigen, dass das Risiko einer Präeklampsie oder eines Aborts durch eine medikamentöse Therapie verringert werden konnte oder das Outcome des Kindes und der Mutter verbessert werden konnte, allerdings waren diese häufig nicht systematisch aussagekräftig. [4]
  • evtl. kann das Risiko einer schweren Hypertonie der Mutter verhindert werden, wobei 8-13 Patientinnen behandelt werden müssen, um eine Episode einer schweren Hypertonie zu verhindern [4]
  • bei folgenden Risikofaktoren kann eine medikamentöse Therapie laut [2] erwogen werden: sekundäre Hypertonie, Endorganschäden, Dyslipidämie, Alter > 40J, mikrovaskuläre Erkrankungen, Z.n. Schlaganfall, Z.n. Abort, Diabetes

Therapie der schweren vorbestehenden Hypertonie (>160/100 mmHg):

  • medikamentöse Behandlung nötig!

Allgemeinmaßnahmen:

  • Ausdauersport treiben
  • Kochsalzreduktion
  • Gewichtsabnahme
  • Stressreduktion
  • Nikotin- und Alkoholverzicht

Antihypertensive Medikation während der Schwangerschaft:

  • Methyldopa: Mittel der Wahl: 250 mg 2-3x tgl.; Steigerung ca. alle 2 Tage auf max. 3g/Tag
  • Dihydralazin
  • Metoprolol: nicht als Dauertherapie
  • Nifedipin: als Zusatzmedikation [5]

Ziel-RR ohne vorbestehenden Endorganschaden: 140-150/90-100 mmHg [2,6]

KONTRAINDIZIERT bei vorbestehender Hypertonie während der Schwangerschaft sind:

  • ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten
  • Clonidin
  • Diazoxid
  • Kalziumantagonisten außer Nifedipin als Mittel der 2. oder 3. Wahl, s.o.
  • Betablocker außer Metoprolol, Pindolol und Labetolol [2]

Komplikationen

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Einteilung der vorbestehenden Hypertonie nach Endorganschädigung:

  • WHO-Grad l: Klinisch keine nachweisbare Schädigung von Herz, Niere, Gehirn und normaler Augenhintergrund.
  • WHO-Grad ll: Schädigung an Herz, Niere oder Gehirn. Augenhintergrundveränderungen (Fundus hypertonicus)
  • WHO-Grad lll: Schädigung von bereits mehreren Organen. Augenhintergrundveränderungen (Retinapathia hypertensiva)

Während einer Schwangerschaft kann es bei einer vorbestehenden leichten Hypertonie vermehrt zu Komplikationen kommen: [1]

  • am häufigsten kommt es (bei 10-25%) zur Präeklampsie, wobei das Risiko 2-4fach erhöht ist [2]
  • Plazentalösung: 0.7-1.5% [2]
  • Frühgeburt
  • Fetale Wachstumsretardierung: 8-16%

Bei schwerer vorbestehender Hypertonie in der Schwangerschaft waren diese Risiken bei [2] weiter erhöht:

  • Präeklampsie 50%
  • Plazentalösung: 5-10%
  • Frühgeburt
  • Wachstumsretardierung: 31-40%

Zusatzhinweise

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Zur Zeit gibt es keine Zusatzhinweise zur vorbestehenden Hypertonie während der Schwangerschaft.


Literaturquellen

Vorbestehende Hypertonie in der Schwangerschaft

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  1. Gilbert WM, Young AL, Danielsen B (2007): Pregnancy outcomes in women with chronic hypertension: a population-based study. J Reprod Med. 52(11):1046.
  2. Sibai BM (2002): Chronic hypertension in pregnancy. Obstet Gynecol. 100(2):369.
  3. Nakhai-Pour HR, Rey E, Bérard A (2009): Discontinuation of antihypertensive drug use during the first trimester of pregnancy and the risk of preeclampsia and eclampsia among women with chronic hypertension. Am J Obstet Gynecol. 201(2):180.e1.
  4. Abalos E, Duley L, Steyn DW, Henderson-Smart DJ (2007): Antihypertensive drug therapy for mild to moderate hypertension during pregnancy. Cochrane Database Syst Rev. 2007
  5. Smith P, Anthony J, Johanson R (2000): Nifedipine in pregnancy. BJOG. 107(3):299.
  6. Visintin C, Mugglestone MA, Almerie MQ, Nherera LM, James D, Walkinshaw S, Guideline Development Group (2010): Management of hypertensive disorders during pregnancy: summary of NICE guidance. BMJ. 341:c2207.
  7. Haag, Hanhart, Müller (2007/08)- Gynäkologie und Urologie- Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach
  8. Goerke K, Steller J, Valet A (2008)- Klinikleitfaden Gynäkologie Geburtshilfe- Elsevier Urban&Fischer, München, Jena
  9. Diedrich K, Holzgreve W, Jonat W et al. (2000)- Gynäkologie und Geburtshilfe- Springer, Heidelberg

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