Urethritis, Epididymitis, Orchitis

Synonyme: Harnröhrenentzündung, Nebenhodenentzündung, Hodenentzündung

Definition

Urethritis, Epididymitis, Orchitis

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Die Urethritis (ICD-10: N34.2), Epididymitis und Orchitis (ICD-10: N45) sind Infektionen des Urogenitaltrakts und treten v.a. in der Adoleszenz auf.


Ätiologie

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Urethritis, Epididymitis und Orchitis können folgende Auslöser haben [1,2]:

präpubertär:

  • v.a. Enterobakterien (E. coli)
  • Pseudomonas aeruginosa
  • Mumpsvirus (Orchitis)

postpubertär (bzw. bei sexueller Aktivität):

  • Neisseria gonorrhoeae
  • Chlamydia trachomatis (Serovar D-K)
  • Mykoplasmen
  • Candida albicans
  • Mumpsvirus (Orchitis)
  • iatrogen: Kathetereinlage, Zystoskopie
  • selten: chemische Noxen, Medikamente (Amiodaron [10]), Autoimmunerkrankungen, retrograder Urinfluss in den Nebenhoden [7]

Nach einer Urethritis können sich eine Epididymitis bzw. Orchitis durch ein Aufsteigen der Infektion entwickeln.


Epidemiologie

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Folgende epidemiologischen Daten zur Urethritis/Epididymitis/Orchitis liegen vor:

Urethritis

  • zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen
  • Häufigkeitsgipfel 20.-30. Lebensjahr [4]
  • Erkrankungen durch Gonokokken sind wieder häufiger [5]

Epididymitis/Orchitis [6,7]

  • vor der Pubertät selten, wobei es Hinweise in der Literatur auf eine Inzidenz von 28% gibt
  • häufigste Ursache für ein geschwollenes Skrotum bei männlichen, sexuell aktiven Personen

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Folgende Informationen sind bei der Urethritis/Epididymitis/Orchitis von Bedeutung:

  • Ausfluss aus der Harnröhre?
  • Jucken und/oder Brennen in der Harnröhre?
  • Brennen beim Wasserlassen? cave: sehr häufiges Symptom! 3,4 % aller Patientin beim Hausarzt kommen mit diesen Beschwerden [8]
  • Schmerzcharakter: zunehmend? plötzlich eingetreten? Ausstrahlung?
  • Sexualanamnese bei älteren Patienten: Verhütung? Kondome? Partneranamnese: Infektion?
  • Fieber?
  • Allgemeinerkrankungen bekannt? (z.B: M. Reiter, Metabolische Stoffwechselerkrankungen)
  • Gelenkschmerzen (V.a. M. Reiter)?
  • Durchgemachte Infektionen? Entzündungen? Verletzungen? ärztliche Eingriffe an Harnröhre/Skrotum?
  • Masern/Mumps/Röteln (MMR) Impfung erhalten?

Diagnostik

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Folgende Untersuchungen sind sind diagnostisch wichtig [2]:

  • urologische Untersuchung
  • Entzündungswerte im Blut: Leukozyten, CRP?
  • U-Status: Leukozyten? 
  • Urethralabstrich
  • 4-Gläserprobe
  • Sonographie/Doppler: DD Hodentorsion! Typischerweise findet sich bei der Epididymitis/Orchitis eine echoarme, homogene Textur und eine glatte Begrenzung, außerdem Skrotalwandverdickung und eine Begleithydrozele. Es zeigt sich zudem eine deutlich vermehrte Durchblutung in Hoden und Nebenhoden. [3]

Klinik

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Typische Merkmale der Urethritis, Epididymitis und Orchitis sind [1,2,7]:

Urethritis:

  • Dysurie
  • urethraler Ausfluss
  • Juckreiz
  • Fieber

Epididymitis/Orchitis (meist einseitig [9])

  • langsam zunehmender Schmerz über Tage im Skrotum
  • schmerzhafte Schwellung (auch durch Begleithydrozele)
  • Überwärmung und Rötung des Skrotums
  • Ausstrahlung des Schmerzes in die Leiste oder das Abdomen mgl.
  • positives Prehn'sches Zeichen: nachlassender Schmerz beim Anheben des Hodens (infektiöse Ursache wahrscheinlich)
  • Fieber
  • Leukozyturie
  • Dysurie, Pollakisurie
  • cave: keine Leukozyturie und Dysurie bei extra-urethralem Infektionsfokus
  • bei Adoleszenten: rektale Untersuchung zum Ausschluss einer begleitenden Prostatitis

Therapie

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Die Urethritis/Epididymitis/Orchitis lässt sich mit folgenden Methoden behandeln:

E.coli (Therapie der Zystitis) [21]

Co-trimoxazol

  • 5-6mg/kg/Tag p.o. für 3-5 Tage

Chlamydia trachomatis [12-15]:

< 8 Jahren:

Erythromycin

  • 30 - (50) mg/ kg/ d p.o. in 3-4 Einzeldosen über 7 Tage; 8 - 14 J.: 1500 mg/ d p.o. in 2 Einzeldosen

ab 8 Jahren:

Tetrazyclin

  • z.B. Doxycyclin 2,5-4mg /kg/Tag p.o. für 14 Tage

Neisseria gonorrhoeae:

genitale Gonorrhoe bei Kindern [16,17]

  • < 45kg Ceftriaxon einmalig 125 mg, >45kg einmalig 250mg i.m.
  • oder einmalig Cefotaxim 25mg/kg, maximal 1g i.m. 
  • oder einmalig Cefixim 20mg/kg p.o., maximal 800mg/Tag
  • oder einmalig Azithromycin 20mg/kg p.o., maximal 1g

genitale Gonorrhoe bei Jugendlichen bzw. Erwachsenen [18,19,20]:

  • 1x Cephalosporin der 3. Gen., beta-Laktamase-stabil (z.B. 1 x 400mg Cefixim p.o.)
  • alternativ: Ceftriaxon 1 x 125mg i.m., Cefotaxim 1 x 500mg i.m., 1x 400mg Ofloxacin p.o., 1 x 500mg Ciprofloxacin p.o., 1 x 250mg Levofloxacin p.o.
  • bei Therapieversagen höhere Dosis (2 x 400mg Cefixim/Tag p.o.) oder alternativ Ceftriaxon (1x 2 g i.m.) [18]
  • in Gebieten mit erhöhter Resistenzrate: Spectinomycin 2g i.m. oder Ceftriaxon 250mg i.m.
  • bei zusätzlicher Chlamydieninfektion: Doxycyclin 2 x 100mg/Tag p.o. für 7 Tage oder einmalig Azithromycin 1g p.o.

bei sexuelle aktiven Patienten immer Partner mitbehandeln!

Supportiv:

  • Kühlung des Hoden
  • Hochlagerung des Hoden
  • Bettruhe
  • Analgetika
  • wenn nötig suprapubischer Katheter
  • bei älteren Kindern mit Epididymitis (akute Entzündung): Blutegel (Hirudo medicinalis) [2]

Komplikationen

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Folgende Komplikationen können bei der Urethritis/Epididymitis/Orchitis auftreten:

  • Hodenabszesse
  • verbleibende Schwellungen
  • chronische Schmerzen
  • Rezidive

speziell bei Gonokokken:

  • disseminierte Gonorrhoe: Endokarditis, Perimyokarditis, Iritis, Iridozyklitis, Meningitis, Pneumonie mgl. (selten)
  • sekundäre Sterilität durch Verwachsungen nach aufgestiegenen Infektionen (Entzündungen der Tuben bzw. der Vasa deferentia [13,4])
  • Harnröhrenstrikturen
  • Reiter-Syndrom (Arthritis, Konjunktivitis, Urethritis)
  • Perihepatitis acuta gonorrhoica (Fitz-Hugh-Curtis-Syndrom)

speziell bei Chlamydien:

  • Sterilität durch Verwachsungen nach aufgestiegenen Infektionen [13,4]
  • Harnröhrenstrikturen
  • Reiter-Syndrom (Arthritis, Konjunktivitis, Urethritis)

Zusatzhinweise

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Folgende Zusatzhinweise sind bei der Urethritis/Epididymitis/Orchitis von Bedeutung:

  • Bei Epididymitis sollte eine Ultraschalluntersuchung (Doppler) des Hodens zum Ausschluss einer Hodentorsion durchgeführt werden. [1]
  • 20-80% der pädiatrischen Patienten mit Epididymitis haben außerdem eine zusätzliche Urogenital-Infektion [7]
  • Bei einer Infektion mit Gonokokken oder Chlamydien vor der Pubertät ist an einen sexuellen Missbrauch zu denken.
  • Bei bis zu 50% der Fälle kann eine angeborene Fehlbildung des Urogenitaltrakts (z.B. subvesikale Obstruktion, ektop mündender Harnleiter, Harnröhrenklappe, Harnröhrendivertikel) (oder auch des unteren Gastrointestinaltrakts) vorliegen, so dass eine Abklärung angestrebt werden sollte. Methoden: Urodynamik, Zystoskopie, Ausscheidungsurographie [2,7]
  • Sollte es nicht zu einem eindeutigen Ausschluss einer Hodentorsion kommen, muss eine operative Freilegung erfolgen. [2]
  • Bei ausbleibendem Therapieerfolg nach 7 Tagen muss ein maligner Tumor ausgeschlossen werden. [2]
  • Prophylaxe: MMR-Impfung, Safer-Sex

Literaturquellen

Urethritis, Epididymitis, Orchitis

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  1. (2007) Mayatepek - Lehrbuch Pädiatrie - Urban und Fischer
  2. (2007) Steffens, Siemer - Häufige Urologische Erkrankungen Im Kindesalter - Springer, S.35-38
  3. (2004) Hofmann, Deeg, Hoyer - Ultraschalldiagnostik in Pädiatrie und Kinderchirurgie - Thieme
  4. (2007) Sökeland - Tachenlehrbuch Urologie - Thieme Verlag, Stuttgart, S.239-243, S.250-253
  5. (2009) Arasteh - Duale Reihe Innere Medizin - Thieme Verlag, Stuttgart
  6. Bennett et al. - Epididymitis in Children: The Circumcision Factor? - J Urol 160 (1998): 1842-4
  7. (2009) Palmer - Pediatric Urology: A General Urologist's Guide - Springer, S.228-230
  8. DEGAM Leitlinien "Brennen beim Wasserlassen" 2009, Düsseldorf
  9. (2007) Bauchner, Vinci, Kim - Pediatrics - Cambridge University Press
  10. (2005) Fisher, Boyce, Moffet - Moffet's pediatric infectious diseases - Lippincott Williams & Wilkins, S.520
  11. Fuchs, Rothe, Wintergerst, Kieslich, Ruß (2007) - Arneimittel Pädiatrie pocket - Börm Bruckmeier Verlag
  12. (2002) Lentze M - Pädiatrie - Springer Verlag, Heidelberg
  13. (2009) Hof, Dörries - Medizinische Mikrobiologie - Thieme Verlag, Stuttgart
  14. (2010) RKI-Ratgeber für Infektionskrankheiten - Clamydiosen (Teil 1 und Teil 2)
  15. (2005) Kirschbaum M. - Checkliste Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme Verlag, Stuttgart
  16. (2010) Fleisher, Ludwig - Textbook of Pediatric Emergency Medicine - Lippincott Williams & Wilkins
  17. (2007) Isaacs - Evidence-Based Pediatric Infectious Diseases - John Wiley and Sons, S.212-215
  18. Robert-Koch Institut - Epidemiologisches Bulletin März 2009, Nr. 13, S.122-123
  19. (2010/2011) Haag - Gynäkologie und Urologie - Medizinische Verlags- und Informationsdienste Breisach, S.399-401
  20. (2010) Frank, Daschner - Antibiotika am Krankenbett - Springer, S.156
  21. (2007) Siekmeyer - Therapien in der Kinder- und Jugendmedizin - Urban und Fischer, S.455

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