Trisomie

Synonyme: Down-Syndrom, Morbus Down, Edwards-Syndrom, Pätau-Syndrom

Definition

Trisomie

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Bei einer Trisomie handelt es sich um eine numerische Aberration von Chromosomen. Häufig sind die autosomalen Chromosomen 13, 18 und 21 betroffen. Das jeweilige Chromosom liegt dann in dreifacher Anzahl vor.


Ätiologie

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Zur Ätiologie der Trisomien:

  • häufig liegt der Erkrankung ein erhöhtes mütterliches Alter zugrunde
  • in den meisten Fällen (ca. 80-95%) handelt es sich um eine "freie Trisomie"
  • deutlich seltener kommen sie als Translokationstrisomien oder Mosaikformen vor

Epidemiologie

Trisomie

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Zur Epidemiologie der häufigsten Trisomien [4]:

Trisomie 21:

  • Häufigkeit: etwa 1:700 Neugeborene
  • In etwa 60% der Fälle von Trisomie 21 kommt es zu einem Spontanabort der Zygoten
  • etwa jedes 5. Kind mit einer Trisomie 21 wird tot geboren
  • das Risiko für die Geburt eines Kindes mit Trisomie 21 steigt mit zunehmendem mütterlichen Alter

Trisomie 18:

  • Häufigkeit: etwa 1:3.000 Neugeborene
  • nach der Trisomie 21 die zweithäufigste Form der Trisomien
  • Geschlechterverhältnis: w>m: etwa 4:1

Trisomie 13:

  • Häufigkeit: etwa 1:10.000 Neugeborene

Differentialdiagnosen

Trisomie

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Anamnese

Trisomie

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Folgende Informationen sind bei V.a. auf eine Trisomie relevant:

  • Welche Beschwerden / Auffälligkeiten bestehen bei dem Kind?
  • Sind diese angeboren?
  • kurzer, flacher Schädel?
  • kleine oder fehlende Augen?
  • Fehlbildungen des Schädels oder der Ohren?
  • breite Nase?
  • gefurchte Lippen oder Zunge?
  • weit auseinander stehende Zähne?
  • kleines Kinn?
  • (beidseitige) Spaltbildung im Lippen-Kiefer-Gaumen-Bereich?
  • plumpe Hände und Füße?
  • überzählige Finger oder Zehen?
  • Fehlbildungen der Füße bekannt? Klumpfüße? auffällige Haltung der Zehen beobachtet?
  • auffällige Haltung der Finger beobachtet?
  • sind Fehlbildungen der inneren Organe bekannt?
  • besteht die Unfähigkeit bei dem Patienten, Kinder zu zeugen?
  • gab es Besonderheiten im Verlauf der Schwangerschaft der Mutter?
  • Einnahme von Medikamenten, Drogen, sonstigen Substanzen während der Schwangerschaft?
  • handelt es sich bei dem Kind um eine Frühgeburt?
  • Anpassungsstörungen des Kindes nach der Geburt?
  • wie war die weitere Entwicklung nach der Geburt? Gewichtszunahme?
  • ähnliche Fälle in der Familie? Gibt es Geschwisterkinder?
  • sind die Eltern gesund? genetische Besonderheiten bekannt?
  • mütterliches Alter?
  • Fehlgeburten in der Vorgeschichte der Eltern?

Diagnostik

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Zu den diagnostischen Maßnahmen bei einer Trisomie werden gezählt:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • dabei insbesondere Untersuchung auf angeborene Fehlbildungen:
  • Kopf und Hals: Augen, Ohren und Nase (regelrecht angelegt?), Spaltbildungen im Lippen-Kiefer-Gaumen-Bereich?, Schädeldefekte? Gehirnanteile freiliegend? fliehendes Kinn? 
  • Thorax: Symmetrie vorhanden? Organektropien? Herz und Lungen auskultieren
  • Abdomen: Symmetrie vorhanden? Organektropien? Abdomen auskultieren, palpieren, perkutieren, Leisten auf Hernien und nicht-deszendierte Hoden untersuchen
  • Rücken: (Myelo)meningozele? Wirbelbögen geschlossen? Haut intakt? abnorme Behaarung lumbal? Faltenasymmetrie? anorektale Fehlbildungen? [7]
  • Extremitäten: korrekte Anzahl und Form von Fingern und Zehen? Fehlbildungen der Knochen? Fehlstellungen? Vierfingerfurche? spontane Bewegungen? Tonus?
  • orientierende neurologische Untersuchung: frühkindliche Reflexe auslösbar? Reaktion auf Geräusche? Tonus?
  • Bildgebende Verfahren: zur weiterführenden Diagnostik von Fehlbildungen Sonographie, Röntgen und MRT möglich [8]
  • Humangenetische Untersuchung: Karyogramm anfertigen

Beachte: eine aus Blut- und Ultraschalluntersuchungen sowie Amniozentese und Chorionzottenbiopsie bestehende Pränataldiagnostik kann bereits vor der Geburt Hinweise auf das Vorliegen einer Trisomie liefern!


Klinik

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Zur Klinik bei einer Trisomie:

Trisomie 21 [10; 11]:

Kraniofaziale Dysmorphie:

  • Schädel klein und rund mit flachem Okziput
  • kurzer und breiter Hals
  • kleines Kinn
  • rundes Gesicht mit flachem Profil
  • vorgewölbte Stirn
  • flache Nasenwurzel, kurze Nase
  • auffallend kleiner Mund mit dicken, evertierten Lippen
  • gefurchte Lippen und Zunge
  • Zahnfehlstellungen
  • Hypertelorismus
  • Epikanthus
  • Katarakt
  • Strabismus
  • spärliche und kurze Augenwimpern
  • weiße Flecken auf Iris (Brushfield-Spots)
  • kleine und runde Ohren mit kleinem, adhärenten Ohrläppchen
  • überschüssige Nackenhaut
  • Makroglossie und mongoloide Lidachsenstellung sind pathognomonisch

Hand- und Fußdeformitäten:

  • kurze, breite Hände mit kurzen Fingern (Brachymesophalangie)
  • Klinodaktylie des fünften Fingers
  • Vierfingerfurche
  • kleine Füße
  • kurze Zehen
  • Sandalenlücke

Skelettveränderungen:

  • Überstreckbarkeit der Gelenke
  • charakteristische Beckenveränderungen: horizontale Hüftgelenkpfanne, Schenkelhälse in Coxa-valga-Stellung, abgeflachter Azetabularwinkel, ausladende Darmbeinschaufeln ("Elefantenohren")
  • Rippenanomalien
  • deutlicher Kleinwuchs

Begleitende Organfehlbildungen /-beteiligungen:

  • Herzfehler (in ca. 50% der Fälle): ASD, VSD, Endokardkissendefekt, Fallot-Tetralogie
  • Gastrointestinale Malformationen: Duodenalstenose, Pancreas anulare, Analatresie, Megakolon, Rektumprolaps
  • Urogenitaltrakt: bei Jungen in 100% Hypogonadismus und Infertilität
  • ZNS: mentale Retardierung, muskuläre Hypotonie
  • Schilddrüse: Hypothyreose
  • weitere Besonderheiten: raue Haut, Neigung zu Hernien, erhöhte Infektanfälligkeit, zehn- bis 20fach erhöhtes Risiko, an einer Leukämie zu erkranken

Trisomie 18:

  • häufig geringes Geburtsgewicht
  • auffällige Kopfform mit prominentem Hinterkopf
  • fliehendes Kinn
  • schmale Nasenwurzel
  • dysplastische Ohren
  • kleiner Mund und hoher Gaumen
  • kurzes Sternum
  • den Mittel- oder Ringfinger überlagernder Zeigefinger
  • hoher Muskeltonus
  • Abduktionshemmung in den Hüftgelenken
  • kleines Becken
  • Klumpfüße
  • nach dorsal flektierte Großzehen
  • Myelomeningozele
  • schwerwiegende Organfehlbildungen (Herz, Urogenitalsystem, Zwerchfelldefekte)
  • Omphalozele
  • mentale Retardierung

Beachte:

  • In über 95% der Fälle kommen Herzvitien vor
  • Bei Betroffenen mit Trisomie 18-Mosaiken sind die Symptome weniger stark ausgeprägt

Trisomie 13:

Charakteristische Trias:

  • ulnare Polydaktylie
  • An- oder Mikrophtalmie
  • beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumen-Defekte

Darüber hinaus sind oftmals anzutreffen:

  • häufig geringes Geburtsgewicht
  • tiefsitzende, dysplastische Ohren
  • Taubheit
  • Fehlen des Nervus olfactorius
  • Kolobom von Iris, Ziliarkörper oder Choroidea
  • Hypotelorismus
  • fliehendes Kinn
  • Skalpdefekte
  • Spina bifida
  • Vierfingerfurche
  • Hämangiome (kapilläre)
  • schwerwiegende Organfehlbildungen (Herz, Urogenitalsystem, Gehirn: Holoprosenzephalie)
  • Omphalozele
  • Nabelhernie
  • Krampfanfälle
  • erhöhter Muskeltonus

Therapie

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Zu den Therapieoptionen bei einer Trisomie zählen:

Trisomie 21:

  • eine kausale Therapie  der Trisomie 21 ist derzeit nicht möglich
  • je nach Vorliegen und Schwere von Fehlbildungen kann eine  interventionelle oder operative Korrektur erwogen werden [9]
  • in manchen Fällen kann eine komplexe intensivmedizinische Behandlung erforderlich werden
  • Frühförderungsmaßnahmen und Physiotherapie sind für die geistige und körperliche Entwicklung  bedeutsam
  • Ergo- und Sprachtherapien beeinflussen die Entwicklung darüber hinaus positiv
  • medikamentöse Therapie bei Hypothyreose möglich: z.B. L-Thyroxin, Dosierung erfolgt in Anpassung an die Klinik des Patienten
  • die Eingliederung in spezielle Einrichtungen kann das Erlernen lebenspraktischer Fertigkeiten ermöglichen
  • eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche  Entwicklung des Kindes ist die einfühlsame Aufnahme in der Familie

Trisomie 18:

  • eine kausale Therapie  der Trisomie 18 ist nicht möglich
  • je nach Vorliegen und Schwere von Fehlbildungen kann eine  interventionelle oder operative Korrektur erwogen werden [9]
  • in der Regel ist eine komplexe intensivmedizinische Behandlung erforderlich

Trisomie 13:

  • eine kausale Therapie  der Trisomie 13 ist nicht möglich
  • je nach Vorliegen und Schwere von Fehlbildungen kann eine  interventionelle oder operative Korrektur erwogen werden [9]
  • in der Regel ist eine komplexe intensivmedizinische Behandlung erforderlich

Beachte: Eltern betroffener Kinder sollten stets auf die Existenz von Selbsthilfegruppen aufmerksam gemacht werden!


Komplikationen

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Zu den Komplikationen im Rahmen einer Trisomie:

Im Rahmen einer Trisomie 21 kann es zu folgenden Komplikationen kommen [10; 12]:

  • insgesamt deutlich erniedrigte Lebenserwartung, oftmals auf die erhöhte Leukämieinzidenz zurückzuführen
  • Organkomplikationen, die sich aus den diversen Fehlbildungen ergeben
  • Erhöhte Infektanfälligkeit
  • mentale und körperliche Entwicklung eingeschränkt

Zu den Komplikationen der Trisomie 18 zählen:

  • aufgrund der oftmals komplexen Klinik versterben 90% der Patienten innerhalb des ersten Lebensjahres

Zu den Komplikationen der Trisomie 13 zählen:

  • die meisten Kinder mit einer Trisomie 13 versterben nach einigen Lebenstagen an den schweren Fehlbildungen innerer Organe
  • in allen anderen Fällen ist mit schweren geistigen Behinderungen, epileptischen Anfällen und Entwicklungsstörungen zu rechnen[14]

Zusatzhinweise

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Zusatzhinweise zu den Trisomien:

Trisomie 21:

  • der Intelligenzquotient beträgt im Alter von 5 Jahren durchschnittlich 50 (interindividuelle Variabilität)
  • Gefühlsleben und Sozialverhalten meist sehr stark ausgeprägt
  • normaler Pubertätseinstieg bei beiden Geschlechtern, Mädchen sind fertil (50% der geborenen Kinder sind gesund)
  • 5-Jahres-Überlebensrate von Patienten mit einem Herzfehler beträgt 70%, ohne Herzfehler 90%
  • Zu den häufigsten Todesursachen zählen: Herzfehler, Infektionen und Leukämien [12]
  • die Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert: das mittlere Sterbealter stieg zwischen 1983 und 1997 von 25 auf 49 Jahre an [13]

Trisomie 18:

  • Schlechte Prognose: mittlere Lebenserwartung bei Jungen 2-3 Monate, bei Mädchen etwa 10 Monate
  • nur 1% der Patienten wird älter als 10 Jahre
  • das Wiederholungsrisiko beträgt etwa 1%

Trisomie 13 [14]:

  • Mädchen haben eine geringfügig bessere Prognose
  • die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 1 Woche
  • nur etwa 5% der Betroffenen werden älter als 6 Monate
  • die Mortalität beträgt über 90% im ersten Lebensjahr
  • das Wiederholungsrisiko für die Geburt eines Kindes mit einer Trisomie 13 beträgt weniger als 1%

Insgesamt ist die Prognose aufgrund der schweren Fehlbildungen ernst.

Bei präpartaler Diagnostik durch Ultraschall sollte daher auf die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs nach ausführlicher Beratung hingewiesen werden.


Literaturquellen

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  1. (2005) Burk A, Burk H - Checkliste Augenheilkunde - Thieme
  2. (2005) Kirschbaum M, Münstedt K - Checkliste Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme
  3. (2007) Kerbl R, Kurz R, Roos R, Wessel L - Checkliste Pädiatrie - Thieme
  4. (2007) Sitzmann F - Duale Reihe Pädiatrie -  Thieme
  5. (2004) Passarge E - Taschenatlas der Genetik - Thieme
  6. (2004) de Gruyter W - Pschyrembel Klinisches Wörterbuch - de Gruyter
  7. (2008) AWMF-Leitlinie - Anorektale Fehlbildungen - Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie
  8. (2009) AWMF-Leitlinie - Gesichtsschädel Fehlbildungen - Deutsche Röntgengesellschaft (DRG)
  9. (2010) AWMF-Leitlinie - Formstörungen der inneren und äußeren Nase (mit funktioneller und/oder ästhetischer Beeinträchtigung) - Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V.
  10. (2003) Roizen N J - Down's syndrome - Lancet
  11. (2009) Creavin A L - Ophthalmic abnormalities in children with Down syndrome - J Pediatr Ophthalmol Strabismus
  12. (2009) Malinge S - Insights into the manifestations, outcomes, and mechanisms of leukemogenesis in Down syndrome - Blood
  13. (2002) Yang Q - Mortality associated with Down's syndrome in the USA from 1983 to 1997: a population-based study - Lancet
  14. (1996) Tolmie, JL - Down syndrome and other autosomal trisomies, Emery and Rimoin's Principles and Practice of Medical Genetics - Churchill Livingston

Assoziierte Krankheitsbilder zu Trisomie

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