Stress- oder Belastungsinkontinenz

Synonyme: Urininkontinenz, unwillkürlicher Harnabgang, Urethraverschlussinsuffizienz

Definition

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Stress- oder Belastungsinkontinenz beschreibt einen Harnverlust bei erhöhtem Bauchinnendruck ohne dass ein Harndrang wahrgenommen wird.


Ätiologie

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Ursachen der Stress- oder Belastungsinkontinenz sind:
  • insuffiziente Sphinkter- und Unterstützungsfunktion am Blasenausgang durch
  1. Geburtstrauma
  2. Beckenbodenschwäche
  3. Descensus/Prolaps uteri et vaginae
  4. Scheidenstumpfprolaps
  5. Blasensenkung
  6. Hormonmangel
  7. Zelen z.B. Zystozele
  8. hypotone Urethra
  • Durch intraabdominelle Druckerhöhung steigt der Druck der Blase über den Druck der Urethra an

Risikofaktoren der Belastungsinkontinenz sind:

  • Vaginale Geburten
  • Adipositas
  • Chronischer Husten
  • Obstipation
  • Oestrogenmangel
  • Bei Männern: vorangegangene Operationen an der Prostata

Epidemiologie

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Die Stress- oder Belastungsinkontinenz tritt viel öfter bei Frauen auf
  • Prävalenz: Schätzungsweise 4 Mio. Patienten mit Inkontinenz in Deutschland, jedoch gehen nur 15% zum Arzt
  • Zunehmende Fallzahl mit dem Alter

Differentialdiagnosen

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Anamnese

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Bei der Stress- oder Belastungsinkontinenz sind folgende Informationen von Bedeutung:
  • Miktionsanamnese: Harnfrequenz? Menge? Startschwierigkeiten, Kontinuierlicher/ intermittierender Miktionsverlauf, Harnstrahlqualität, Einsatz der Bauchpresse, Dysurie/Algurie, Hämaturie?
  • Wie hoch ist die Flüssigkeitsaufnahme?
  • Harnverlust bei Lachen, Pressen, Husten?
  • Gefühl von Harndrang?
  • Medikamente?
  • Operationen in der Vergangenheit? (v.a. im kleinen Becken)
  • gynäkologische Anamnese bei Frauen: vaginale Geburten, Anzahl, Komplikationen, Prolaps?
  • Begleiterkrankungen (Diabetes mellitus, Z.n. Apoplex, Morbus Parkinson, Demenz, Radiatio, Depression, Rückenmarksläsionen)
  • Lebensqualität/Leidensdruck

Diagnostik

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Die Diagnostik der Stress- oder Belastungsinkontinenz besteht aus:

Allgemeine Untersuchung:

  • körperliche Untersuchung
  • mentale und körperliche Leistungsfähigkeit
  • Untersuchung der äußeren Genitales
  • rektale Untersuchung
  • neurologische Untersuchung

Urinuntersuchung:

  • Teststreifen
  • bei pathologischem Befund → bakteriologische Untersuchung

Miktionstagebuch:

  • Zeitpunkt und Volumen der Miktionen
  • Zeitpunkt und Volumen der Trinkmenge
  • Harndranggefühl
  • Vorlagenverbrauch

Restharnbestimmung:

  • v.a. vor und während anticholinerger Medikation

Optionale Tests:

  • Stresstest
  • PAD-Test (Vorlagenwiegetest zu Obiektivierung und Quantifizierung des Harnverlustes)

Erweiterte Diagnostik:

  • Sonographie
  • Labor
  • Röntgenuntersuchung: Ausscheidungsurogramm
  • Urethrozystoskopie
  • Urodynamische Untersuchung

Klinik

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Symptome der Stress- oder Belastungsinkontinenz werden unterschieden in:

1. Grades

  • Harnträufeln bzw. Urinabgang beim Husten, Niesen, Lachen, Pressen

2. Grades

  • Urinabgang bei körperlicher Belastung wie Treppen steigen

3. Grades

  • dauernder Urinabgang

Therapie

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Therapie ist bei der Stress- oder Belastungsinkontinenz notwendig bei subjektivem Krankheitsempfinden des Patienten
  • Ggf. Infektsanierung
  • Beckenbodentraining
  • Biofeedback-Training
  • Magnetstimulationstherapie
  • transanale, transvaginale Elektrostimulation
  • Verhaltensmodikikation mit Regulation der Trinkmenge und Miktionstraining
  • Evtl. Gewichtsreduktion

Medikamentöse Therapie:

  1. Midodrin bei hypotoner Urethra
  2. Duloxetin bis 2x40mg/Tag (Antidepressivum, welches gleichzeitig auf Belastungsinkontinenz wirkt). Langsame Steigerung der Dosierung: 1. Woche 0-0-20mg/d, 2. Woche 20-0-20mg/d, 3. Woche 20-20-20mg/d und weitere Steigerung, wenn kein Effekt
  3. Lokale Östrogenisierung mit z.B. Ovestin 1-2x/Woche

Operative Therapie:

  • Indikation bei Versagen der konservativen Therapie
  1. perurethrale Kollageninjektion (Depot-Injektionen)
  2. Schlingen-Operationen (Typ TVT - tensionfree-vaginal tape oder Typ TOT transobturatorisches Tape/Band)
  3. endoskopische Blasenhalssuspension
  4. offene Kolposuspension

Komplikationen

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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Komplikationen der Stress- oder Belastungsinkontinenz können sein:
  • rezidivierende Harnwegsinfektionen
  • Kombination mit Stuhlinkontinenz
  • belastungsunabhängige Inkontinenz
  • seelische Beeinträchtingung
  • Depressionen

Zusatzhinweise

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Prophylaxe der Stress- oder Belastungsinkontinenz:

  • postpartales Beckenbodentraining

Literaturquellen

Stress- oder Belastungsinkontinenz

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  1. (2009) AWMF - Leitlinie - Harninkontinenz
  2. (2007) Haag, Hanhart, Müller - Gynäkologie und Urologie - Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach
  3. (2008) Goerke K, Steller J, Valet A - Klinikleitfaden Gynäkologie / Geburtshilfe - Urban und Fischer Verlag, Elsevier
  4. (2009) Gruber S - BASICS Gynäkologie und Geburtshilfe - Urban & Fischer Verlag, Elsevier GmbH
  5. (2009) Straus A, Janni W, Maass N - Klinikmanual Gynäkologie und Geburtshilfe - Springer Medizin Verlag
  6. (2009) Probst T - Checklisten Gynäkologie und Geburtshilfe - Urban & Fischer, Elsevier
  7. (2008) Bühling K J, Friedmann - Intensivkurs Gynäkologie - Urban & Fischer, Elsevier
  8. (2007) Stauber M, Weyerstahl T - Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme
  9. (2007) Breckwoldt M, Kaufmann M, Pfleiderer A - Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme
  10. (2006) Kiechle M - Gynäkologie und Geburtshilfe - Urban & Fischer Verlag
  11. (2006) Diedrich K - Gynäkologie und Geburtshilfe - Springer, Berlin
  12. (2005) Kirschbaum, Münstedt - Checkliste Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme Verlag

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Gynäkologie und Geburtshilfe

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