Störungen des Essverhaltens

Synonyme: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Magersucht, Fress-Brechsucht, Binge-Eating-Disorder, psychogene Hyperphagie

Definition

Störungen des Essverhaltens

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Zu den Störungen des Essverhaltens werden die Anorexia nervosa sowie die Bulimia nervosa gezählt. Des Weiteren existieren neben atypischen Formen dieser Krankheitsbilder andere Störungen des Essverhaltens wie die Binge-Eating-Disorder.


Ätiologie

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Zu den Ursachen der Störungen des Essverhaltens werden gezählt [1]:

Biologische Faktoren:

  • Alter (Pubertät)
  • Vulnerabilität des serotonergen Systems

Soziokulturelle Ursachen:

  • Schönheitsideale
  • Konsum-und Leistungsorientierung

Individuelle Faktoren:

  • typische Persönlichkeitsmerkmale, Stressintoleranz
  • gestörte Identitätsfindung, z.B. Abwehr einer weiblichen Rolle, Regression sexueller Triebimpulse
  • Autoritäts-und Autonomiekonflikte, gestörtes Selbstwertgefühl

Genetische Faktoren:

  • familiäre Disposition

Beachte: die ätiologischen Zusammenhänge zwischen Adipositas und Binge-Eating-Disorder sind derzeit unklar, in 50% der Fälle ist die Binge-Eating-Disorder mit Übergewicht bzw. Adipositas assoziiert! [3; 4]


Epidemiologie

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Zur Epidemiologie von Störungen des Essverhaltens:

Anorexia nervosa:

  • Lebenszeit-Risiko für Frauen an Anorexia nervosa zu erkranken: 0,3-1% (in den letzten Jahren steigend) [7]
  • Prävalenz in Deutschland: 150/100.000 Personen [1]
  • allein in den USA sind derzeit etwa 500.000 Frauen an Anorexia nervosa erkrankt [8]
  • typischerweise zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr - 2 Altersgipfel um das 14. und 18. Lebensjahr [2]
  • Geschlechterpräferenz: w:m = >10:1 - Männer erkranken zunehmend häufiger [1]
  • Risikogruppen: Leistungssportlerinnen in gewichtsabhängigen Sportarten (z.B. Turnen), Balletttänzerinnen und Models [9]

Bulimia nervosa:

  • Prävalenz in Deutschland: 300/100.000 Personen [1]
  • Prävalenz in den USA: bis zu 1-1,5% bei Frauen [10]
  • allein in den USA sind derzeit etwa 1-2 Mio. Frauen an Bulimia nervosa erkrankt [8]
  • Häufigkeitsgipfel um das 18.-20. Lebensjahr [2]
  • Geschlechterpräferenz: w:m = >10:1 - Männer erkranken zunehmend häufiger [1]

Binge-Eating-Disorder:

  • Die Binge-Eating-Disorder ist bei Frauen häufiger als bei Männern (Geschlechterpräferenz w>m) [11]
  • sie ist mit zahlreichen anderen psychiatrischen Erkrankungen assoziiert: etwa 79% der Patienten weisen mind. 1 andere psych. Erkrankung auf [11]
  • Lebenszeitprävalenz in den USA: 3,5% für Frauen, 2,0% für Männer [11]
  • die Prävalenz ist nicht in signifikantem Ausmaß von Rasse, Ehestand oder Beschäftigungsverhältnis abhängig [11]
  • Erkrankungsalter (durchschnittlich): etwa 25 Jahre [11]

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei Störungen des Essverhaltens sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Welche Beschwerden bestehen? Seit wann?
  • Ggf. Grund der Einweisung?
  • Alter?
  • Aktuelles Gewicht und Größe?
  • Zeitlicher Verlauf der Gewichtsveränderung?
  • War ein Gewichtsverlust gewollt?
  • Bedeutung der Nahrungsaufnahme / Diätpläne etc.?
  • Essverhalten? Wie oft? Wie viel? Essattacken?
  • Selbst herbeigeführtes Erbrechen?
  • depressive Verstimmungen?
  • ausbleibende Monatsblutung?
  • Potenzverlust?
  • Haarausfall?
  • Kälteempfindlichkeit? Niedriger Blutdruck?
  • Verstopfung?
  • Darmerkrankungen bekannt? Chronisch? Infektionen (Wurmerkrankungen, etc.)? Voroperiert?
  • Sonstige Grunderkrankungen?
  • Psychiatrische Vorerkrankungen?
  • Störungen der Impulskontrolle oder Persönlichkeitsstörungen bekannt?
  • Einnahme von Abführmitteln  oder Schilddrüsenmedikamenten?
  • Einnahme anderer Medikamente?
  • Stressbelastung?
  • Wird Sport getrieben? Welcher? Wie oft?
  • Ähnliche Fälle in der Familie?
  • Soziale Kontakte? Freunde? Familie?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung von Störungen des Essverhaltens sind relevant:

Anorexia nervosa [2]:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • (Pädiatrisch-) internistische Untersuchung:
  • Körperlänge und -gewicht (mind. 15% unter der Norm) messen, BMI bestimmen (<17,5 kg/m2)
  • Körpertemperatur messen
  • allgemeine Inspektion: geistige und körperliche Entwicklung?
  • Inspektion der Haut: trocken, schuppig, Lanugobehaarung, Haarausfall
  • Schilddrüse inspizieren, auskultieren, palpieren
  • Inspektion, Auskultation, Palpation, Perkussion des Thorax
  • Inspektion, Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
  • EKG
  • psychologische Untersuchung:
  • strukturiertes Interview
  • allgemeine Tests: Persönlichkeitstests, Leistungstests
  • Fragebögen

Bulimia nervosa [2]:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • (Pädiatrisch-) internistische Untersuchung:
  • Körperlänge und -gewicht messen, BMI bestimmen
  • Körpertemperatur messen
  • allgemeine Inspektion: geistige und körperliche Entwicklung?
  • Inspektion der Haut: trocken, schuppig, Lanugobehaarung, Haarausfall
  • Schilddrüse inspizieren, auskultieren, palpieren
  • Inspektion, Auskultation, Palpation, Perkussion des Thorax
  • Inspektion, Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
  • EKG
  • psychologische Untersuchung:
  • strukturiertes Interview
  • allgemeine Tests: Persönlichkeitstests, Leistungstests
  • Fragebögen

Binge-Eating-Disorder [2]:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • Inspektion: ausladendes Abdomen? Acanthosis nigricans (z.B. im Nacken?), Allgemeinzustand, syndromale Erkrankung? Fehlhaltungen?
  • Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
  • Gefäßstatus erheben, Pulse tasten und auskultieren
  • neurologischen Status erheben (Gesichtsfeld, Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination, Hirnnerven)
  • Gelenke untersuchen (Einschränkung der Beweglichkeit?), Mobilität prüfen
  • Bestimmung des Gewichts und der Körperlänge, Berechnung des BMI wie folgendermaßen erläutert:
  • Bestimmung des von Hüft- und Taillenumfang:
  • deutlich erhöhtes Risiko für sek. Stoffwechselerkrankungen bei Werten ab 88cm (w) oder 102cm (m) - Hüftumfang (auf Höhe des Trochanter major)
  • Berechnung der waist-to-hip-ratio (WHR), also des "Taille-zu-Hüftumfang-Quotienten":
  • WHR > 0,85 (w) bzw. >1,0 (m): "androider Fettverteilungstyp": besonders hohes Komplikationsrisiko
  • Blutdruckmessung, ggf. 24h-Blutdruckmessung
  • Labor: BB, TSH basal, Gesamt-Cholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride, Blutzucker (nüchtern), BZ-Tagesprofil, GOT, GPT, γ-GT, Lp(a), Homocystein, Harnsäure
  • Bei V.a. endokrine Störung zusätzlich: Dexamethason-Kurztest, Oraler Glucose-Toleranz-Test, HbA1c
  • Sonographie des Abdomens (Fettleber, Gallensteine, Arteriosklerose der Aorta)
  • Sonographie der Schilddrüse
  • EKG
  • Psychologische Untersuchung:
  • strukturiertes Interview
  • allgemeine Tests: Persönlichkeitstests, Leistungstests
  • Fragebögen

Beachte: es sollten stets somatische und psychiatrische Erkrankungen, die mit einem Gewichtsverlust einhergehen können, in die Differentialdiagnostik einbezogen werden!


Klinik

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Störungen des Essverhaltens können eines oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

Anorexia nervosa [2]:

  • Körpergewicht unterhalb 85% des zu erwartenden Gewichts (Body-Mass-Index < 10. Altersperzentile)
  • BMI <17,5 kg/m2
  • willentlich herbeigeführtes / aufrecht erhaltenes Untergewicht
  • meist schleichender Beginn
  • Gewichtsphobie
  • intensive Beschäftigung mit Aussehen, Körpergewicht sowie Kaloriengehalt der Nahrung
  • Verzicht auf hochkalorische Kost, hin zu einer "gesunden" Kost (oft vegetarisch)
  • Betont langsames und auffälliges Essverhalten
  • Verstärkung der körperlichen Aktivität
  • Auslöser oft vermeintlich negative Äußerungen des sozialen Umfeldes zum Körpergewicht
  • Durchführen gewichtsreduzierender Maßnahmen (Einnahme von Appetitzüglern, Diuretika, Abführmitteln, Schilddrüsenmedikamenten)
  • häufige Kontrollen des Gewichts (täglich mehrfaches Wiegen)
  • Störung des Körperschemas: Körper wird als zu dick empfunden
  • Amenorrhoe, Obstipation, Haarausfall, Hypothermie, Blutbildveränderungen (Anämie), Hypoglykämie, Hypotonie, Bradykardie, Osteoporose, Elektrolytverschiebungen und EKG-Veränderungen möglich
  • Fehlende Krankheitseinsicht

Bulimia nervosa [2]:

  • Störung des Körperschemas: Körper wird als zu dick empfunden, dabei Überbewertung von Figur und Gewicht
  • ständige Beschäftigung mit dem Thema Essen
  • rezidivierende Heißhungeranfälle und Essattacken
  • durchschnittlich mind. 2 Essattacken pro Woche über mind. 3 Monate
  • große Essensmengen werden in Kürze hinuntergeschlungen
  • verschiedene Maßnahmen zur Gewichtskontrolle nach den Heißhungerattacken (am häufigsten selbstinduziertes Erbrechen) 
  • Maßnahmen: Einnahme von Laxantien, Diuretika, Appetitzüglern, Schilddrüsenhormonen
  • Verstärkung der körperlichen Aktivität
  • häufig beinahe normales Körpergewicht, aber trotzdem Folgen der Mangelernährung
  • typische Begleiterscheinung: Karies
  • charakteristisch ist ein ausgeprägter Leistungsdruck
  • Depressive Symptome, Amenorrhoe, Obstipation, Haarausfall, Hypothermie, Blutbildveränderungen (Anämie), Hypoglykämie, Hypotonie, Bradykardie, Osteoporose, Elektrolytverschiebungen und EKG-Veränderungen möglich

Binge-Eating-Disorder [12] :

  • mindestens 2x pro Woche über 6 Monate Essattacken mit Enthemmung / Kontrollverlust
  • es werden keine Gegenmaßnahmen (z.B. Diäten, Erbrechen, vermehrte körperliche Aktivitäten, Medikamentenabusus) ergriffen

Mindestens 3 der folgenden Kriterien sollten bei Stellung der Diagnose einer Binge-Eating-Disorder zutreffen:

  • Essen großer Mengen trotz fehlenden Hungergefühls
  • Essen dieser Portionen in kürzerer Zeit als üblich
  • Essen bis ein Gefühl des Unwohlseins / des "Überessens" entsteht
  • Essen unter Ausschluss anderer Person aufgrund von Scham wegen der großen Mengen an Nahrungsmitteln
  • Ein Gefühl von Ekel vor sich selbst, Depressionen oder Schuldgefühle nach den Essattacken

Beachte: Es gibt keine das Körpergewicht betreffende Kriterien für die Binge-Eating-Disorder!


Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei Störungen des Essverhaltens umfassen:

Anorexia nervosa:

Stationäre Behandlung in der Akutphase [2]:

  • bei potentieller Lebensbedrohung
  • Beispiele: Suizidgefahr, Reduktion des Normalgewichts unter 75 % der Norm, unzureichende Flüssigkeitszufuhr, häufiges Erbrechen, Eintreten schwerwiegender Organkomplikationen

Ansonsten ambulante oder tagesklinische Therapie [2]:

  • Therapie der körperlichen Folgen in der Akutphase, z.B. Kalorienzufuhr (tgl. 5-6 ausgewogene Mahlzeiten)
  • Aufstellen eines ausgewogenen Ernährungsplans
  • Ernährungsberatung
  • Hilfestellung beim Essen, gemeinsames Essen
  • Erstellen eines Bewegungsplans
  • Verhaltenstherapie
  • Familientherapie
  • soziotherapeutische Maßnahmen
  • Gewichtskontrollen: 1-2 mal pro Woche

Psychotherapie [2]:

  • kognitive Therapie: Körperschema und Selbstwertgefühl neu definieren
  • psychodynamisch orientierte Therapie: z.B. bei akuten oder chronischen Konflikten
  • Autogenes Training / Progressive Muskelrelaxation: zur verbesserten Wahrnehmung des eigenen Körpers

Medikamentöse Therapie [2]:

  • Psychopharmaka: insgesamt geringere Bedeutung, indiziert bei starker depressiver Verstimmung sowie in der akuten Phase bis ein ausreichendes Körpergewicht erreicht ist
  • Neuroleptika (z.B. bei Unruhezuständen): z.B. Prothipendyl: oral 2-4x 40-80mg
  • Antidepressiva (bei Depression nach Gewichtszunahme), z.B. Fluoxetin: oral 1x 20mg

Beachte: Die Therapie bei der Anorexia nervosa erfolgt auf interdisziplinärer Ebene! [2]

Die alleinige medikamentöse Therapie ist nicht wirksam! [2]

Bulimia nervosa:

Stationäre Behandlung in der Akutphase [2]:

  • bei potentieller Lebensbedrohung
  • Beispiele: Suizidgefahr, schwere Selbstverletzungen, Substanzmissbrauch, Komorbidität mit anderen psychiatrischen Erkrankungen (z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung), Eintreten schwerwiegender Organkomplikationen
  • psychosoziale Kriterien, z.B.: festgefahrene familiäre Interaktion, Dekompensation der Eltern, V.a. Misshandlung oder Missbrauch, soziale Isolation, Scheitern nicht-stationärer Behandlungsversuche

Ansonsten ambulante oder tagesklinische Therapie [2]:

  • Therapie der körperlichen Folgen in der Akutphase, z.B. Kalorienzufuhr (tgl. 5-6 ausgewogene Mahlzeiten)
  • Aufstellen eines ausgewogenen Ernährungsplans
  • Führen eines Ernährungstagebuchs
  • Ernährungsberatung
  • Hilfestellung beim Essen, gemeinsames Essen
  • Erstellen eines Bewegungsplans
  • Verhaltenstherapie
  • Familientherapie
  • soziotherapeutische Maßnahmen

Psychotherapie [2]:

  • kognitive Therapie: Körperschema und Selbstwertgefühl neu definieren, die Ernährungstherapie sollte integraler Bestandteil der kognitiv-behavioralen Therapie sein
  • interpersonale Therapie: Verbesserung der Beziehungsfähigkeit

Medikamentöse Therapie [2]:

  • Psychopharmaka: insgesamt geringere Bedeutung, indiziert bei starker depressiver Verstimmung sowie in der akuten Phase bis ein ausreichendes Körpergewicht erreicht ist
  • Neuroleptika (z.B. bei Unruhezuständen): z.B. Prothipendyl: oral 2-4x 40-80mg
  • Antidepressiva (bei Depression nach Gewichtszunahme), z.B. Fluoxetin: oral 1x 20mg

Beachte: Die Therapie bei der Bulimia nervosa erfolgt auf interdisziplinärer Ebene! [2]

Die alleinige medikamentöse Therapie ist nicht wirksam! [2]

Binge-Eating-Disorder:

Folgende Therapieoptionen existieren:

Psychotherapie / Verhaltenstherapie [4]

  • kognitiv-behaviorale Therapie
  • dialektische Verhaltenstherapie
  • interpersonelle Therapie
  • psychodynamische Therapie
  • Familientherapie
  • Psychosoziale Interventionen
  • Selbsthilfe-Gruppen

Darüber hinaus sollten folgende Therapiemöglichkeiten zur Anwendung kommen:

  • Aufstellen eines ausgewogenen Ernährungsplans
  • Führen eines Ernährungstagebuchs
  • Ernährungsberatung
  • gemeinsames Essen
  • Erstellen eines Bewegungsplans

Medikamentöse Therapie [4]

  • Antidepressiva, z.B. SSRI: Fluoxetin oral, 1x 20mg tgl.

In schweren Fällen ist eine chirurgische Therapie der Adipositas zu erwägen [6]:

  • Bei einem BMI ≥40 kg/m² ist bei Erschöpfung der konservativen Therapie nach umfassender Aufklärung eine bariatrische Operation indiziert
  • Bei einem BMI zwischen 35 und 40 kg/m² und mit mind. einer Adipositas-assoziierten Folge-/Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzkrankheit) ist eine chirurgische Therapie indiziert, sofern die konservative Therapie erschöpft ist
  • Bei Diabetes mellitus Typ 2 kann bereits bei einem BMI zwischen 30 und 35 kg/m² eine bariatrische Operation im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erwogen werden
  • Mögliche Verfahren sind das Einsetzen eines Magenbandes, Schlauchmagen, Roux-Y-Magen-Bypass oder die BPD mit duodenalem
    Switch (BPD-DS)
    . Ferner können ein Ein-Anastomosen-Bypass, biliopankreatische Teilung (BPD) oder die vertikale Bandplastik (VBP) eingesetzt werden

Beachte: Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Impulsivität und sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte sind mit einem schlechten Outcome assoziiert! [4]

Die Therapie ist langzeitlich ausgerichtet und muss Rückfälle berücksichtigen! [4]


Komplikationen

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Bei der Störungen des Essverhaltens kommen folgende Komplikationen vor:

Anorexia nervosa [13]:

  • bei 30% der Patienten bleiben nach einer Therapie Residuen bestehen
  • in 20% der Fälle: chronischer Verlauf
  • 5% der Betroffenen versterben an den Folgen der Krankheit

Organische Komplikationen [1]:

  • Bradykardie
  • Herzinsuffizienz
  • Hypotonie
  • Hypothermie
  • gestörte Magenentleerung
  • Amenorrhoe
  • Osteoporose
  • Pseudohirnatrophie
  • Knochenmarkshypoplasie
  • Potenzstörungen
  • Entwicklungs- und Wachstumsverzögerungen

Bulimia nervosa [13]:

  • chronischer Verlauf in 20% der Fälle
  • Risiko der Suizidalität ist bei der Bulimia nervosa deutlich erhöht

Organische Komplikationen [1]:

  • Bradykardie
  • Herzinsuffizienz
  • Hypotonie
  • Hypothermie
  • gestörte Magenentleerung
  • Amenorrhoe
  • Osteoporose
  • Pseudohirnatrophie
  • Knochenmarkshypoplasie
  • Potenzstörungen
  • Entwicklungs- und Wachstumsverzögerungen

Bei der Binge-Eating-Disorder sind - insbesondere bei Vorliegen einer Adipositas - folgende Komplikationen möglich [5]:

  • Metabolisches Syndrom mit Hypertonie, Dyslipoproteinämie, gestörter Glucosetoleranz
  • Diabetes mellitus
  • Arteriosklerose
  • Hyperurikämie, Cholelithiasis und Fettleber(hepatitis)
  • kardiovaskuläre Erkrankungen: KHK, Apoplex, Beinvenenthrombosen, thromboembolische Komplikationen
  • orthopädische Erkrankungen mit Fehlhaltungen, Arthrosen, Fehlstellungen und Epiphysiolysis
  • obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
  • Syndrom der polyzystischen Ovarien: Sterilität, Hirsutismus, Menstruationsbeschwerden
  • EPH-Gestose
  • Hormonelle Störungen: bei Männern vermehrte Östrogenproduktion, Potenzstörungen, bei Frauen durch mehr Androgene Haarausfall, Seborrhoe, Akne, sekundäre Amenorrhoe
  • Krebserkrankungen: Darmkrebs, Brustkrebs, Endometriumkarzinom, Prostatakebs
  • Infektionen der Haut in den Hautfalten: z.B. Pilzinfektionen (Intertrigo)
  • Striae der Haut
  • Verschlechterung anderer Vorerkrankungen: z.B. Herzinsuffizienz
  • psychosoziale Folgen wie vermindertes Selbstwertgefühl, Depression, Isolation

Zusatzhinweise

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Zu Störungen des Essverhaltens liegen folgende Zusatzhinweise vor:

Anorexia nervosa:

  • nur in 50% der Fälle verschwindet die Essstörung nach der Therapie vollständig
  • insgesamt ernste Prognose: Mortalitätsrate von 0,5 bis 1,0% pro Behandlungsjahr [1]
  • Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen: etwa 50%
  • ein BMI ≤ 13 ist bei jugendlichen Patientinnen als prognostisch ungünstig zu bewerten [2]
  • Bei Patienten, die bei prämorbidem Übergewicht schnell und erheblich an Gewicht verloren haben, kann trotz eines Körpergewichts oberhalb der 10. BMI-Perzentile ein schwerwiegender Starvationszustand vorliegen [2]
  • Bei Kindern, die über eine geringere prämorbide Fettmasse verfügen, sind die somatischen Folgen des Hungerns meist erheblicher als bei Jugendlichen oder Erwachsenen [2]

Unterformen der Anorexia nervosa [2]:

  • Restriktive Anorexia nervosa: ausschließlich reduzierte Nahrungszufuhr bzw. vermehrte körperliche Aktivität
  • Anorexia nervosa mit zusätzlichen Gewichtsreduktionsmethoden: neben Kalorienrestriktion selbstinduziertes Erbrechen oder Einnahme von Medikamenten 
  • Anorexia nervosa mit bulimischen Attacken: zusätzlich rezidivierende Essattacken
  • Kindliche Anorexia nervosa: geht mit einem Stillstand oder einer Verzögerung der pubertären Entwicklung bzw. des Wachstums einher
  • Atypische Anorexia nervosa: typische Merkmale der Anorexia nervosa können fehlen

Bulimia nervosa:

Unterformen der Bulimia nervosa [2]:

  • Bulimia nervosa mit Anorexia nervosa in der Vorgeschichte
  • Bulimia nervosa ohne Anorexia nervosa in der Vorgeschichte
  • Bulimia nervosa ohne zusätzliche Gewichtsreduktionsmethoden: Gegenregulation erfolgt ausschließlich durch verminderte Nahrungszufuhr und/oder körperliche Aktivität
  • Bulimia nervosa mit zusätzlichen Gewichtsreduktionsmethoden: Gegenregulation erfolgt (auch) durch selbstinduziertes Erbrechen, Laxantienabusus und/oder Medikamentenmissbrauch
  • Atypische Bulimia nervosa: ein oder mehrere Kernmerkmale der Bulimia nervosa können fehlen

Beachte:

  • Der Schweregrad der Bulimia nervosa nimmt mit der Anzahl der Essattacken zu. [2]
  • Die Mehrzahl der bulimischen Patientinnen ist normalgewichtig [2]
  • Dennoch haben manche ein geringeres Gewicht, als es möglicherweise ihrem individuellen biologischen Set point entspricht. Umstritten ist, ob diese Patientinnen eine Gewichtszunahme in Kauf nehmen müssen, um ihr physiologisches (z.B. regelmäßige Menstruation) oder emotionales Gleichgewicht (z.B. Rückgang depressiver Symptome) zu erreichen! [2]

Binge-Eating-Disorder:

  • Mit einer durchschnittlichen Erkrankungsdauer von 14 Jahren liegt die Binge-Eating-Disorder deutlich über der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa (beide etwa 6 Jahre) [4]

Literaturquellen

Störungen des Essverhaltens

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  1. (2006) Herold G - Innere Medizin - Gerd Herold Verlag
  2. (2006) AWMF-Leitlinie - Essstörungen - Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
  3. (2005) Didide E R - Binge eating and psychological distress: is the degree of obesity a factor? - Eat Behav
  4. (2007) Devlin, MJ - Binge-eating disorder and obesity - Binge-Eating Disorder: Clinical Foundations and Treatment - Guilford Press
  5. (2007) AWMF-Leitlinie - Prävention und Therapie der Adipositas - Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG)
  6. (2010) AWMF-Leitlinie - Chirurgie der Adipositas - Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V. (DGAV)
  7. (2003) Hoek H W - Review of the prevalence and incidence of eating disorders - Int J Eat Disord
  8. International Academy of Eating Disorders. Position statement on equity in insurance coverage for eating disorders. www.aedweb.org/disorders.html
  9. (1994) Nattiv A - The female athlete triad. The inter-relatedness of disordered eating, amenorrhea, and osteoporosis - Clin Sports Med
  10. (1990) Fairburn C G - Studies of the epidemiology of bulimia nervosa - Am J Psychiatry
  11. (2007) Hudson J I - The prevalence and correlates of eating disorders in the National Comorbidity Survey Replication - Biol Psychiatry
  12. (2000) American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4, American Psychiatric Association
  13. (2009) Crow S - Increased mortality in bulimia Nervosa and other eating disorders. Am J Psychiatry

Assoziierte Krankheitsbilder zu Störungen des Essverhaltens

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