Störung des Sozialverhaltens

Synonyme: abweichendes Verhalten, Verhaltensstörung, Verwahrlosung, Delinquenz, Conduct Disorder, auffälliges Verhalten, Dissozialität, Schwererziehbarkeit

Definition

Störung des Sozialverhaltens

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Die Störungen des Sozialverhaltens umfassen ein Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens mit Verletzungen altersentsprechender sozialer Erwartungen, welches länger als 6 Monate besteht. (1)


Ätiologie

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Die Ursachen der Störung des Sozialverhaltens:

  • soziales Umfeld
  • genetische Faktoren
  • hirnorganische Schäden
  • Drogenmißbrauch
  • Alkoholmißbrauch
  • psychiatrische Störungen

Epidemiologie

Störung des Sozialverhaltens

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Die Störung des Sozialverhaltens ist die häufigste Diagnose in der Kinder- und Jugendpsychiatrie:

  • Häufigkeit in Deutschland: 8% Jungen und 3% Mädchen im Alter 4-16 Jahren; in der Adoleszenz bis zu 16% der Jungen

Differentialdiagnosen

Störung des Sozialverhaltens

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Anamnese

Störung des Sozialverhaltens

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Bei der Störung des Sozialverhaltens sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Läuft das Kind/der Jugendliche weg?
  • Quält es Tiere?
  • Lügt der Betroffene häufig?
  • Ist das Kind/der Jugendliche kriminell geworden?
  • Fernbleiben von der Schule?
  • Ist das Selbstwertgefühl gemindert?
  • Wirkt der Patient nach außen hin gelassen?
  • Besteht rücksichtsloses Verhalten?
  • Familien-/Sozialanamnese

Diagnostik

Störung des Sozialverhaltens

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Zur diagnostischen Abklärung der Störung des Sozialverhaltens sind relevant:

  • Anamnese
  • körperliche und neurologische Untersuchung
  • Standardfragebogen für Eltern/Lehrer bezüglich des Verhaltens des Kindes/Jugendlichen
  • Ergänzende altersbezogene Testdiagnostik bezüglich Intelligenzniveau, Sprache und Teilleistungsstörungen
  • Bei Verdachtssymptomen oder anamnestischen Hinweisen Drogenscreening im Urin, in der Notfallbehandlung Blutalkoholkonzentration

Klinik

Störung des Sozialverhaltens

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Die Störung des Sozialverhaltens zeigt folgende Leitsymptome:

  • Deutliches Maß an Ungehorsam, Streiten oder Tyrannisieren
  • Ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche
  • Grausamkeit gegenüber anderen Menschen oder Tieren
  • Erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum
  • Zündeln
  • Stehlen
  • Häufiges Lügen
  • Schuleschwänzen
  • Weglaufen von zu Hause (1)

Therapie

Störung des Sozialverhaltens

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei der Störung des Sozialverhaltens umfassen Folgendes:


Interventionen in der Familie als Elterntraining

  • Identifizieren und Einsetzen von positiven Elternqualitäten
  • Training bezüglich der Entwicklung konsistenter positiver und negativer Konsequenzen, Beendigung zu harter, zu gewährender oder inkonsistenter elterlicher Erziehungspraktiken
  • Förderung der Behandlung wichtiger elterlicher Probleme (z.B. Drogenmissbrauch) (1)

Zusätzliche Interventionen beim Kind

  • Problemlösetraining einzeln oder in der Gruppe
  • Trennung des Kindes/Jugendlichen von ungünstigen Peer-Gruppen, Aufbau von adäquaten Peer-Beziehungen
  • Einbeziehung von Familienhilfe und Nutzung von Möglichkeiten außerfamiliärer Unterbringung
  • Wahl einer adäquaten Schulform, Förderung der Zusammenarbeit von Eltern und Schule/schulpsychologischem Dienst (1)

Interventionen bei Jugendlichen

  • Multisystemische Behandlung mit Ansätzen an den Betroffenen, den Familienbeziehungen, dem Schul- bzw. Arbeitsmilieu, der Peer-Group und dem Freizeitverhalten nach Hengeler
  • Berufsvorbereitende Maßnahmen, Training alltagspraktischer und sozialer Fertigkeiten
  • Kooperation mit Jugendstrafinstanzen, Jugendgerichts- und Bewährungshilfe
  • Nutzung von Möglichkeiten zur außerfamiliären Unterbringung (1)

Pharmakotherapie

  • niedrigpotente Neuroleptika mildern Zustände der Verwirrung; Chlorprothixen (bei Erregungszuständen): bei über 3 Jahre alten Kindern: in 2 Einzeldosen: bis 1 mg/kg pro Tag oral [2] Prothipendyl (bei Erregungszuständen): bei über 6 Jahre alten Kindern: 2 x 40 mg oral (3)
  • Methylphenidat: anfangs 5 mg oral , wöchentliche Steigerung um 5-10 mg, Maximaldosis: 60 mg/Tag in 2-3 Einzeldosen; retard: Maximaldosis: 54 mg/Tag
  • Atomoxetin: Kinder und Jugendliche bis zu 70 kg KG: Initialtagesdosis 0,5 mg/kg; empfohlene Tagesdosis während der Dauerbehandlung: 1,2 mg/kg; maximale Wirksamkeit nach etwa 6 Wochen (2)

Jugendhilfemaßnahmen

  • Teilstationäre Jugendhilfemaßnahmen bei schwachen Schulleistungen und mangelnder Aufsicht und Steuerung durch die Familie, aber intakten Familienbeziehungen
  • Vollzeitige außerfamiliäre Betreuung bei ausgeprägter Symptomatik oder chronischem Erziehungsversagen der Eltern

Komplikationen

Störung des Sozialverhaltens

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Bei der Störung des Sozialverhaltens kommen folgende Komplikationen vor:

  • schlechte Prognose bei häufigen Delikten

Zusatzhinweise

Störung des Sozialverhaltens

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Die Komorbidität und Begleitstörungen der Störung des Sozialverhaltens:

  • Hyperkinetische Störungen
  • Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch
  • Depressive Störungen
  • Phobische oder Angststörungen
  • Suizidalität
  • paranoide Zuschreibungen (1)

Literaturquellen

Störung des Sozialverhaltens

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  1. (2006) AWMF - Leitlinie - Störungen des Sozialverhaltens
  2. (2006) AWMF - Leitlinie - Hyperkinetische Störungen
  3. 2008) Ruß A - Arzneimittel pocket - Börm Bruckmeier Verlag
  4. (2009) Möller HJ, Laux G, Deister A - Duale Reihe Psychiatrie und Psychotherapie - Thieme Verlag
  5. (2003) Kasper S, Volz HP - Psychiatrie compact - Thieme Verlag
  6. (2009) Klußmann R, Nickel M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer Verlag, Wien
  7. (2009) Mentzos S - Lehrbuch der Psychodynamik - Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/BRO
  8. (2009) Janssen P, Joraschky P, Tress W - Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherap - Deutscher Ärzte Verlag
  9. (2008) Rentrop M, Müller R, Bäuml J - Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  10. (2007) Rudolf - Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik - Thieme
  11. (2007) Arolt V, Reimer C, Dilling H - Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie - Springer
  12. (2006) Fritzsche K, Wirsching M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer

Assoziierte Krankheitsbilder zu Störung des Sozialverhaltens

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