Querschnittslähmungen

Synonyme: spinales Querschnittsyndrom, Paraplegie, Tetraplegie

Definition

Querschnittslähmungen

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Als Querschnittslähmungen bezeichnet man eine Komplette oder inkomplette Schädigung des Rückenmarks-Querschnitts mit spastischer bzw. primär schlaffer motorischer Lähmung.


Ätiologie

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Ursachen von Querschnittslähmungen sind:

  • Direkte Schädigung: Akutes Trauma (75% d.F.) mit spinalem Schock:
  1. Verkehrsunfälle 40%
  2. Arbeitsunfälle 16%
  3. Stürze (aus großer Höhe)
  4. Badeunfälle
  5. Sportunfälle
  • Schädigung durch Kompression oder Erschütterung: Contusio spinalis, Entzündung, Ödem oder Hämatom:
  1. Spondylitis, Spondylodiszitis, Myelitis, epiduraler Abszess, Virusinfektion
  2. Vaskulär: Thrombose, Spinalis-ant.-Syndrom, spinale Gefäßfehlbildung, epidurale Blutung
  3. Nucleus-pulposus-Prolaps (NPP)
  4. iatrogen, z.B. Radiatio, Injektion in Spinalkanal

Chronische Rückenmarksschädigung bzw. -Erkrankung (z.B. MS, Tumoren, ALS, Skoliose)


Epidemiologie

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Epidemiologische Daten von Querschnittslähmungen:

  • Männer:Frauen = 3 : 1
  • Kinder 2% aller frischen Querschnittslähmungen
  • jährlich ca. 1000-1500 frische Querschnittslähmungen

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Zu erhebende Daten bei Querschnittslähmungen sind:

  • Unfallhergang
  • Zeitintervall seit Trauma
  • neurologische Defizite im Verlauf

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung von Querschnittslähmungen sind relevant:

  • sorgfältige neurologische Untersuchung → Lokalisation abschätzen
  • Segmenthöhe der Läsion
  • Verlaufskontrollen
  • Klassifikation und Verlaufsbeschreibung anhand des ASIA-Schemas (American Spinal Injury Association, modifiziert nach Frankel)


Apparative Diagnostik:

  • Rö in 2 Ebenen, MRT, CT, Funktionsaufnahmen
  • bei Trauma Ausschluss von Begleitverletzungen

Klinik

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Die Symptomatik von Querschnittslähmungen umfasst:

Frühphase, "spinaler Schock":

  • MOTORIK: akutes passageres Querschnittssyndrom mit schlaffer Lähmung, Auftreten von pathologischen Reflexen, keine Pyramidenbahnzeihen entsprechend der Läsionhöhe
  • SENSIBILITÄT: Querschnittsförmiger Ausfall der entsprechenden sensiblen Qualitäten mit ggf. hyperalgischer (radikulärer) Zone oberhalb Schädigungshöhe
  • VEGETATIVES SYST.:
  1. Blasenatonie (hyporeflexive "schlaffe" Blase mit Harnretention)
  2. Darmatonie, -entleerungsstörungen (CAVE: paralytischer Ileus)
  3. Vasomotorenkollaps: Ausfall der Gefäßregulation und Wärmeregulation, Kreislaufdysregulation

Postprimärphase:

  • ALLGEMEIN: nach Tagen bis ca. 8 Wochen, langsame besserung der neurologischer Symptomatik möglich, aber vollständige Rückbildung sehr selten, Entwicklung weiterer Komplikationen
  • MOTORIK: Übergang in eine spastische Lähmung, Para-/Tetraplegie mit Hyperreflexie und Pyramidenbahnzeichen unterhalb der segmentalen Läsion
  • VEGETATIVES SYST.: Entwicklung einer neurogenen Blasenentleerungsstörung (abhängig von der Läsionhöhe)
  1. Läsion oberhalb Miktionszentrum (Th 12) - hyperreflexive Blase mit/ohne Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD)
  2. Läsion in Höhe des Miktionszentrums oder tiefer: Fortbestehen der primär hyporeflexiven ("schlaffen") Blasenlähmung

Therapie

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Die Behandlung von Querschnittslähmungen umfasst:

Erstversorgung:

  • Vitalfunkt. sichern
  • vorsichtige Lagerung
  • Methylprednisolon über 24h, initial 30mg/kg, dann 5,4mg/kg über 23h

Operation:

  • zeitige OP (innerhalb ersten 8h)
  • Reposition, Dekompression, ggf. Spondylodese

Postoperative Behandlung

  • möglich kurze Zeit auf der Intensivstation
  • Spezialbezz für Querschnittsbelähmte
  • Frühmobilisation
  • Thromboseprophylaxe
  • Physiotherapie, Atemgymnastik

Postoperative stationäre Behandlung:

  • Spezialabteilung für Querschnittsgelähmte
  • intensive Physio- und Ergotherapie
  • "Darmschulung"
  • Prophylaxen: Dekubitus-, Osteoporose-, Muskelkontraktionsprophylaxe

Urologische Nachbehandlung/Kontrollen:

  • lebenslange urologische Kontrollen notwendig
  • Urodynamische Blasendruckmessung
  • hyporeflexive Blase: einmalkatheterisierung mehrmals täglich, wenn möglich vom Patienten selbst durchzuführen
  • hyperreflexive Blase: Therapie erforderlich (Blasen-, Nierenschädigungen), "Blasendämpfung", inkomplette Sphinkterotomie, ggf. Stentimplantation

Komplikationen

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Bei Querschnittslähmungen gibt es eine Vielzahl möglicher Komplikationen.

  • Blasen- und Niereninfektionen mit der Gefahr der Urosepsis
  • Dekubitus
  • autonome Dysreflexie
  • posttraumatische Syringomyelie (Höhlenbildung im Rückenmarksgrau)
  • heterotope Ossifikation - periartikuläre Knochenneubildung (die Gelenke selber sind nicht betroffen) hauptsächlich im Bereich der Hüfte
  • spastischer Muskeltonus
  • Schmerzhafte Gelenkkontrakturen

Zusatzhinweise

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Zuätzliche Differentialdiagnosen zu Querschnittslähmungen:

  • Mantelkantensyndrome
  • psychogene Querschnittssyndrome

Literaturquellen

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Breusch S, Clarius M, Mau H, Sabo D (2009) - Klinikleitfaden, Orthopädie und Unfallchirurgie - Urban & Fischer, München

Wülker N und Mitarbeiter (2005) - Taschenlehrbuch, Orthopädie und Unfallchirurgie - Thieme Verlag, Stuttgart

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie; http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/030-070.htm

  • (2009) Niethard F, Pfeil J - Orthopädie und Unfallchirurgie - Thieme
  • (2010) Wülker Nikolaus - Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie - Thieme
  • (2005) Rössler H, Rüther Wolfgang - Orthopädie und Unfallchirurgie - Urban & Fischer, Elsevier
  • (1998) Krämer J, Grifka J, Hedtmann A, Krämer R - Orthopädie - Springer
  • (1996) Zippel H - Orthopädie systematisch - Uni Med. Verlag AG
  • (1989) Weber U., Zilch H - Orthopädie mit Repetitorium - Gruyter

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