Primäre Hyperhidrose

Synonyme: übermäßiges Schwitzen, vermehrtes Schwitzen, Schweißfüße, Diaphorese, Sudorrhoe, Ephidrosis

Definition

Primäre Hyperhidrose

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Als primäre Hyperhidrose bezeichnet man eine generalsisierte oder lokale Überfunktion der ekkrinen Schweißdrüsen, welche zu vermehrtem Schwitzen führt.

Hierbei ist kennzeichnend, dass die produzierte Schweißmenge, die zur Thermoregulation des Körpers notwendige Schweißmenge, übersteigt.

Es liegen keine internistischen Erkrankungen oder externen Ursachen zugrunde.

Generalisierte Hyperhidrose:

  • vermehrtes Schwitzen am ganzen Körper

Lokalisierte Hyperhidrose:

  • Hyperhidrosis axillaris: vermehrtes Schwitzen in den Achselhöhlen
  • Hyperhidrosis manuum: vermehrtes Schwitzen der Handinnenflächen, bei starker Ausprägung auch der Fingerstreckseiten
  • Hyperhidrosis pedum: vermehrtes Schwitzen an den Füßen
  • Gustatorische Hyperhidrose: vermehrtes Schwitzen vor allem im Gesicht (Stirn, Nasenspitze, Nasenflügel, Oberlippe, Wangen) aber auch am Oberkörper, nach dem Genuss bestimmter Speisen (scharf gewürzte, saure)

Ätiologie

Primäre Hyperhidrose

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Die Ursachen der primären Hyperhidrosen liegen in einer konsitutionell bedingten Überfunktion der ekkrinen Schweißdrüsen, welche über den Sympathikus gesteuert werden.

Begünstigende Faktoren hierbei sind:

  • emotionale Anspannung (Schmerz, Angst, Freude)
  • Nikotin, Koffein
  • erhöhte Wärmebelastung

Epidemiologie

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Prävalenz der primären Hyperhidrose (USA): ca 2,8% der Bevölkerung [4]


Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der primären Hyperhidrose sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Beginn der Symptome? Als Kind, Jugendlicher, Erwachsener? (Bei der primären Hyperhidrose in der Regel vor dem 25. Lebensjahr)
  • Wie häufig? (Bei der primären Hyperhidrose in der Regel >1x /Woche?)
  • tritt es unvorhersehbar auf und ist willentlich nicht kontrollierbar? (Bei der primären Hyperhidrose nicht kontrollierbar)
  • nur bei hohen Temperaturen oder temperaturunabhängig? (Bei der primären Hyperhidrose in der Regel temperaturunabhängig)
  • führt es zu Schamgefühl?
  • Beeinflusst es den Umgang mit anderen Menschen? (Die primäre Hyperhidrose führt in vielen Fällen zu starker Beeinträchtigung im Alltag und im Umgang mit anderen Menschen)
  • An welchen Körperstellen?
  • Tagsüber oder Nachts? (Bei der primären Hyperhidrose ausschließlich tagsüber)
  • Betroffene Verwandte bekannt? (positive Familienanamnese bei der primären Hyperhidrose unter Umständen vorhanden)
  • Auslösende Faktoren? (Speisen, Aufregung)
  • Grunderkrankungen?

Diagnostik

Primäre Hyperhidrose

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Die Diagnose der primären Hyperhidrose wird in der Regel anhand der typischen Anamnese gestellt.

Bei untypischer Anamnese muss eine sekundäre Hyperhidrose ausgeschlossen werden.

Schweregradeinteilung der Hyperhidrosis axillaris und palmoplantaris

Grad I: leichte primäre Hyperhidrose

  • deutlich vermehrte Hautfeuchtigkeit
  • Schwitzflecke bei Hyperhidrosis axillaris 5-10 cm Durchmesser

Grad II: mittelschwere primäre Hyperhidrose

  • Bildung von Schweißperlen
  • Schwitzflecke bei Hyperhidrosis axillaris 10-20 cm Durchmesser
  • Schwitzen bei Hyperhidrosis palmoplantaris auf Palmae und Plantae begrenzt

Grad III: schwere primäre Hyperhidrose

  • Schweiß tropft ab
  • Schwitzflecken bei Hyperhidrosis axillaris >20 cm Durchmesser
  • Schwitzen bei Hyperhidrosis palmoplantaris auch an dorsalen Seiten der Finger und Zehen sowie am seiltichen Rand

Jod-Stärke-Test: Areal trocknen, Lugol'sche Lösung (Jod 2,0, Kaliumjodid 4,0, Aqua dest. ad 100,0) auftragen, Speisestärke drüber streuen. Schweißabsonderung führt zu Blaufärbung. Erlaubt keine quantitative Aussage.

Gravimetrische Schweißmessung: Areal trocknen, in einer definierten Zeitspanne abgegebenen Schweiß mit Hilfe von Filterpapier aufnehmen und mit Ultrafeinwaage wiegen. Werte über 30 mg/min sind pathologisch. Zur Dokumentation des Verlauf vor und nach Therapie, Aussagekraft eingeschränkt, da Hyperhidrose anfallsartig auftritt.


Klinik

Primäre Hyperhidrose

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Die primäre Hyperhidrose kann zur erheblichen sozialen und beruflichen Beeinträchtigung des Patienten führen, und somit zu einer starken Verminderung der Lebensqualität beitragen.

Typische Beschwerden:

Hyperhidrosis axillaris:

  • triefend nasse Achselhöhlen
  • schweißnasse Kleidung mit Schweißrändern

Hyperhidrosis manuum:

  • Handflächen diffus gerötet, akrozyanotisch, hypotherm
  • Haut aufgequollen
  • Schweiß tropft von den Händen
  • Verschmutzung von Schreibpapier und Korrosion der Oberflächen metallischer Arbeitsgeräte

Hyperhidrosis pedum:

  • Lividität der Fußsohlen
  • weißgelbliche Mazeration der Hornschicht
  • grübchenförmige Defekte in der Hornschicht (Keratoma sulcatum) durch koryneforme Bakterien
  • Sekundärinfektionen wie Tinea

Therapie

Primäre Hyperhidrose

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Die therapeutischen Maßnahmen bei primärer Hyperhidrose umfassen:

Allgemeinmaßnahmen bei primärer Hyperhidrose

  • Körperhygiene
  • Rasieren
  • geeignete Kleidung: Woll- und Baumwollkleidung, Sandalen, Lederschuhe
  • Ernährung: Meiden auslösender Nahrungsmittel

Topische Therapie bei primärer Hyperhidrose

Antiperspirantien:

  • Aluminium-Hexahydrat-Gel 20%(Rp:Aluminiumchlorid-Hexahydrat 20,0, Hydroxyethylcellulose 400 5,0 in Aqua purif. ad 100,0), täglich zur Nacht auf die trockene Haut auftragen, axillär nur jeden 2.Tag, später nach Bedarf. Palmar und Plantar gegebenenfalls unter Okklusivverband. [1]
  • Aluminium-Hexahydrat-Lösung 20% (Rp: Aluminiumchorid-Hexyhydrat 20,0, Aqua purif. 20,0, Isopropylalkohol 70% ad 100,0), täglich zur Nacht auf die trockene Haut auftragen, axillär nur jeden 2.Tag, später nach Bedarf. Palmar und Plantar gegebenenfalls unter Okklusivverband. [1]
  • Aluminiumhydrochlorid, synthetische Gerbstoffe

Leitungswasser Iontophorese:

  • bei Hyperhidrosis manuum und pedum (selten auch bei axillärer mit Hilfe von Polstern)
  • Anwendung von schwachen Gleichströmen (10-15 mA) im Wasserbad

Botulinumtoxin A zur Chemodenervierung

  • intrakutane Injektion von Botulinumtoxin A, hält etwa 6 Monate

Systemische Therapie bei primärer Hyperhidrose

Salbei:

  • Tabletten mit Salbeiextrakten
  • es liegen keine Studien vor

Systemische Antihidrotika (Anticholinergika):

  • Methantheliniumbromide bei axillärer Hyperhidrose, 2 x 50 mg/d p.o. [3,5]
  • Bornaprinhydrochlorid: initial 2 mg/d p.o., wöchentlich um 2 mg bis auf 6-12 mg/d p.o. steigern [5]

Chirurgische Therapie bei primärer Hyperhidrose

Subkutane Kürettage:

  • therapieresistente axilläre Hyperhidrose
  • 2 Inzisionen apikal und distal in der Axilla, Unterminierung des Areals mit Schere, Kürretage der Schweißdrüsenknäuel [5]

Subkutane Saugkürretage

Exzision:

  • bei therapieresistenter axillärer Hyperhidrose
  • radikale Exzision des schweißdrüsentragenden Hautareals [5]

Endoskopische thorakale Sympathektomie:

  • bei therapiersistenter Hyperhidrosis manuum

CT-gesteuerte perkutane Sympathikolyse


Komplikationen

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Die primäre Hyperhidrose führt zu:

  • Schamgefühl
  • sozialer Isolation
  • Depression (33,3% der Patienten) [7]

Die primäre Hyperhidrose führt zu einer kontinuierlichen Durchfeuchtung der Haut und kann somit begünstigend wirken für:

  • Tinea pedum
  • gramnegativer Fußinfekt
  • Verrucae vulgares
  • Pilzinfektionen
  • Erythrasma (Infektion mit Corynebacterium minutissimum)
  • Intertrigo

Zusatzhinweise

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Zur primären Hyperhidrose gibt es einen Score, welcher eine Einschätzung der Schwere zulässt.

Hyperhidrosis Disease Severity Scale (HDSS) [8]:

1) Mein Schwitzen ist nicht bemerkbar und schränkt mich im täglichen Leben nicht ein.

2) Mein Schwitzen ist erträglich und stört mich nur gelegentlich im Alltag.

3) Mein Schwitzen ist schwer zu ertragen und schränkt mich in meinem Alltag regelmäßig ein.

4) Mein Schwitzen ist unerträglich und schränkt mich in meinem Alltag immer ein

Desweiteren ist eine Einschätzung der Lebensqualitätseinschränkung über den Dermatology Life Quality Index (DLQI) hilfreich.


Literaturquellen

Primäre Hyperhidrose

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  1. (2002) Altmeyer P., Dirschka Th., Hartwig R. - Klinikleitfaden Dermatologie - Urban & Fischer
  2. (2003) Fritsch - Dermatologie Venerolgie - Springer
  3. (2004)Hund M., Sinkgraven R., Rzany B.- Randomisierte, plazebokontrollierte klinische Doppelblindstudie zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der oralen Therapie mit Methantheliniumbromid bei fokaler Hyperhidrose
  4. (2004) Strutton DR, Kowalski JD, Glaser DA, Stang PE - US prevalence of hyperhidrosis and impact on individuals with axillary hyperhidrosis: results from a national survey - J. Am Acad Dermatol. 2004 Aug;51(2):241-8
  5. (2007) AWMF - Leitlinie - Definition und Therapie der primären Hyperhidrose
  6. (2010) Sterry W., Burgdorf W., Paus R. - Checkliste Dermatologie - Thieme
  7. (2010) Bashir K., Dar NR., Sibghat Ullah Rao - Depression in adult dermatology outpatients - J Coll Physicians Surg. Pak - 2010 Dec;20(12):811-3
  8. (2010) Vorkamp T., Foo FJ, Khan S., Schmitto JD., Wilson P. - Hyerhidrosis: Evolving concepts and a comprehensive review - The Surgeon, Volume 8, issue 5, October 2010, Pages 287-292

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