Posttraumatische Epilepsie

Synonyme: traumatische Spätepilepsie

Definition

Posttraumatische Epilepsie

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Epileptische Anfälle, die in Folge einer traumatischen Schädigung oder Verletzung von Teilen des Gehirns auftreten.


Ätiologie

Posttraumatische Epilepsie

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  • Schädel-Hirn-Traumata jeder Art
  • insbesondere durch penetrierende Verletzungen:
    • Schussverletzungen
    • Impressionsfrakturen
    • Kontusionsblutungen
    • Subduralhämatome 

Einteilung:

  1. Epileptische Anfälle, die sofort bzw. innerhalb von Stunden nach dem Trauma auftreten
  2. Frühepilepsien: Anfälle treten innerhalb einer Woche nach dem SHT auf, und
  3. Spätepilepsien: Anfälle treten erst nach einer Woche auf.

Epidemiologie

Posttraumatische Epilepsie

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  • bei 25% der Patienten mit einem SHT kommt es zu mindestens einem epileptischen Anfall
  • 3-4 fach erhöhtes Risiko für Epilepsie nach SHT
  • Häufigkeit von Schwere des SHT abhängig:
    • Patienten mit leichtem SHT: 1,7 fach gefährdet
    • Patienten mit moderatem SHT: 2,9 fach gefährdet
    • Patienten mit schwerem SHT: 17 fach gefährdet
  • bei 50% der Patienten entwickelt sich eine traumatische (Spät-)Epilepsie im ersten Jahr, bei 70–80% in den ersten 2 Jahren nach dem SHT

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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  • vorangegangenes Trauma und Art der Verletzung?
  • Komplikationen im Therapieverlauf?
  • Residuen des Traumas?
  • Anfallscharakteristika: Häufigkeit, Kontext des Auftretens?
  • Vorboten/Aura?
  • Zungenbiss/unwillkürlicher Urinabgang?
  • Postiktale Reorientierungsphase: Müdigkeit, psychische Veränderungen, fokale Defizite?
  • weitere (neurologische) Vorerkrankungen?
  • Medikamenten-/Suchtanamnese

Diagnostik

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  • neurologische Untersuchung: genaue Anfallsanamnese, Ausschluß Zungenbiss/Einnässen,  Suche nach weiteren neurologischen Defiziten (Kraftprüfung)
  • Fieber messen (Infektion als Ursache?)
  • EEG: typischerweise intermittierend generalisierte symmetrische, synchrone Entladungen bei normalem Grundrhythmus; evtl.fokal auftretende epilepsietypische Potentiale
  • Labor: Ausschluß symptomatischer Formen bei Stoffwechselstörungen/Speicherkrankheiten (BZ, Ca, Retentionsparameter, Elektrolyte, evtl. Blutalkoholspiegel, CK, Prolaktin)
  • cCT/cMRT: Ausschluß/Nachweis einer ursächlichen Hirnläsion (z.B: Hirntumor)

Klinik

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Fokale und generalisierte tonisch-klonische epileptische Anfälle möglich:

Generalisierte tonisch-klonische Anfälle:

  • tonische Phase: häufig mit Initialschrei, Patient stürzt zu Boden, Überstrecken der Extremitäten, opisthotone Haltung, Schließen des Mundes evtl. mit lateralem Zungenbiss und Apnoe für einige Sekunden
  • klonische Phase: rhythmische Muskelzuckungen, Hypersalivation mit schaumigem Speichel, Einnässen, lichtstarre-weite Pupillen
  • Bewusstseinsstörung über 1-2 Minuten
  • postiktaler Terminalschlaf
  • prolongierte Reorientierungsphase

Fokale Anfälle:

  • rhythmische klonische oder unrhythmisch myoklonische Zuckungen einzelner umschriebener Muskelgruppen, die die gesamte Halbseite erfassen können
  • evtl. komplexere Bewegungen: koordinierte tonische Drehbewegungen von Augen, Kopf und Rumpf nach kontralateral bei Adversivanfällen
  • Todd-Parese postiktal: kurzfristig andauernde Parese der betroffenen Muskelgruppen
  • kein Bewusstseinsverlust
  • selten Amnesie für den Anfall

Therapie

Posttraumatische Epilepsie

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Therapie der Spätepilepsie wie die der kryptogenen Formen, aber bereits nach dem 1. Anfall bei bekanntem SHT:

Therapie der fokalen traumatischen Spätepilepsie:

  • Beginn: Monotherapie mit Oxcarbazepin, Carbamazepin (1.Wahl), Valproat, Phenytoin, Levetiracetam (2.Wahl)
  • bei ausbleibendem Therapieerfolg: Kombination mit Lamotrigin

Therapie der generalisierten traumatischen Spätepilepsie:

  • geregelter Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Provokatoren meiden (kein Flackerlicht, Alkoholkarenz)
  • ggf. medikamentöse Therapie: Valproat, alternativ Lamotrigin oder Barbiturate

Prophylaxe:

  • antokonvulsive Prophylaxe mit Phenytoin bzw. Valproat für maximal 1 Woche nach offenem SHT ist evidenzbasiert

Komplikationen

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  • Zungenbiss
  • Komplikationen durch Stürze
  • Status epilepticus mit Apnoe-Gefahr und möglichem Herz-Kreislaufversagen

Zusatzhinweise

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  • Prophylaktische antikonvulsive Behandlung ohne Auftreten eines Anfalls ist bei gedeckter Hirnverletzung überflüssig, bei offenem SHT jedoch empfehlenswert

Literaturquellen

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1. Poeck K, Hacke W (2006) – Neurologie, 12. aktualisierte und erweiterte Auflage – Springer Medizin Verlag, Heidelberg

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  • (2007) Henne-Bruns D, Düring M, Kremer B - Chirurgie - Thieme, Stuttgart, Duale Reihe
  • (2010) Müller M - Chirurgie für Studium und Praxis - 2010/11,10. Aufl. - Medizinische Verlags- und Informationsdienste
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  • (2008) Berchtold R, Bruch H.-P, Trentz O - Chirurgie ,6. Aufl. - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  • (2008) Berchtold R, Ackermann R, Bartels M, Bartsch D.K - Berchtold Chirurgie - Elsevier, München
  • (2007) Siewert R - Basiswissen Chirurgie - Springer Verlag, Berlin
  • (2007) Kloeters O, Müller M - Crashkurs Chirurgie - Urban & Fischer, Elsevier
  • (2006) Siewert J. R - Chirurgie - Springer, Berlin
  • (1999) Koslowski L, Bushe K, Junginger T, Schwemmle K - Die Chirurgie - Schattauer, F.K. Verlag

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