Plötzlicher Kindstod

Synonyme: SIDS, Sudden Infant Death Syndrome, Krippentod, ALTE, Apparent-Life-Threatening-Episode, Near-SIDS

Definition

Plötzlicher Kindstod

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  • Sudden Infant Death Syndrome (SIDS): plötzlicher, unvorhersehrbarer Tod eines über 1 Monat alten Säuglings, ohne adäquate Erklärung durch eine gründliche postmortale Untersuchung
  • Apparent-Life-Threatening-Episode (ALTE): Episode mit Apnoe, Zyanose, Blässe, Muskeltonusveränderungen und Erstickungsanfällen, die den Beobachter sehr erschreckt und die idR bei Eintreffen medizinischer Hilfe beendet ist

Ätiologie

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  • Ursache ungeklärt
  • ist von einer multifaktoriellen Genese auszugehen
  • derzeitige Hypothese: primäre Störung der ZNS-Funktion, die zu Atemregulationsstörungen führt und tödlich ist
  • möglicherweise auch angeborene Stoffwechselerkrankungen führen zu SIDS
  • insbesondere Störungen der Fettsäurenoxidation und mitochondriale Stoffwechselerkrankungen

Risikofaktoren:

  • männliches Geschlecht
  • niedriges Geburtsgewicht
  • Frühgeborene, bronchopulmonale Dysplasie
  • Vorausgegangener Aufenthalt auf einer Neugeborenenintensivstation
  • Peri- und postnatale Komplikationen
  • perinatale Asphyxie
  • Kinder, die ein ALTE hinter sich haben
  • Geschwister von Kindern mit SIDS
  • Bauchlage
  • Überwärmung
  • niedriges Alter der Mutter
  • weniger konsequente Schwangerschaftsüberwachung
  • Nikotin- und Drogenabusus der Mutter
  • niedriger sozioökonomischer Status
  • häufige Schwangerschaften der Mutter

Epidemiologie

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  • Häufigkeit 2:1000
  • 40-50% postnataler Todesfälle
  • häufigste Todesursache bei normalgewichtigen Säuglingen jenseits der Neugeborenenperiode
  • SIDS-Rate bleibt trotz des Rückgangs der Säuglingssterblichkeit unverändert hoch
  • selten vor Ende des 1. Lebensmonats und nach Abschluss des 1. Lebensjahres
  • Häufigkeitsgipfel zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat
  • 95% der Fälle ereignen sich im 1. Halbjahr
  • Jungen sind mit 65% etwas häufiger betroffen
  • Saisonale Häufung in den Wintermonaten, Häufung an den Wochenenden
  • nach dem Tod des Kindes an SIDS ist das Wiederholungsrisiko in der Familie etwa fünfmal höher als in der Normalbevölkerung

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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  • plötzlicher Tod des Säuglings
  • Tod trat aufgrund der Anamnese unerwartet ein
  • sachgerechte Obduktion erbrachte keine adäquate Todesursache
  • bereits familiärer SIDS- oder ALTE-Fall bekannt?
  • körperliche Untersuchung
  • Labordiagnostik
  • apparative Untersuchungen
  • Familienanamnese
  • Sozialanamnese
  • Kind immer in Rückenlage?
  • Überwärmung?
  • wurde in Kindnähe geraucht?
  • Kindesmisshandlung?

bei ALTE:

  • akuter Zustand mit Apnoe?
  • Zyanose und Blässe?
  • veränderter Muskeltonus?
  • Bradykardie?
  • Schwitzen?
  • Infekt?
  • Erbrechen?
  • Diarrhö?
  • abnorme Augen-, Zungen- oder Extremitätenbewegungen?
  • Fieber?
  • Stridor?
  • Zyanose beim Füttern?

Diagnostik

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Situation am Auffindeort:

  • bei fehlenden sicheren Todeszeichen (Leichenstarre, Totenflecke, augeprägte Hyperthermie) sofortige Reanimation
  • Kind unter Reanimationsmaßnahmen in nächstgelegene Kinderklinik bringen
  • bei vorhandenen sicheren Todeszeichen ist Transport in Klinik nicht mehr möglich und der Tod muss vor Ort festgestellt werden
  • es sollte, wenn möglich, eine genaue Anamnese erhoben, das Kind genau untersucht (inklusive Temperaturmessung) und die Auffindesituation präzise dokumentiert werden

Diagnostik bei Verdacht auf ALTE:

  • Anamnese: exakte Umstände beim Auffinden des Kindes, Vorausgehen von Schwitzen, Infekt, Stridor, Fieber, Erbrechen, Diarrhö, Zyanose beim Füttern, abnormen Extremitäten-, Zungen oder Augenbewegungen
  • körperliche Untersuchung
  • Labor: Blubild, Blutglucose, Serumelektrolyte, Leberenzyme, Nierenwerte, Ammoniak und Laktat im Serum, Blutgasanalyse, Blutkulturen, Urinstatus, Urinkultur, Lumbalpunktion fakultativ
  • apparative Untersuchungen: Röntgen-Thorax, Polysomnographie: EEG, Atmung, EKG, Augenbewegungen, EMG; Sonographie zum Ausschluss eines gastroösophagealen Refluxes, Schädel-MRT und weitere Untersuchungen nach Klinik und Vorbefunden

Klinik

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  • siehe Diagnostik bei Verdacht auf ALTE

Therapie

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Weiteres Vorgehen im Todesfall:

  • Kinder nach SIDS müssen stets obduziert werden ("ungeklärte Todesursache")
  • eine Asservierung von Gewebe (Haut, Leber, Muskel) sowie von Plasma, Urin, Liquor und DNA wäre zum Ausschluss einer zugrunde liegenden schweren Erkrankung wünschenswert
  • Eltern sollten darauf vorbereitet werden, dass die Kriminalpolizei verpflichtet ist, der Todesursache nachzugehen
  • dies dient der Entlastung der Eltern
  • Eltern haben häufig den Wunsch nach einem ausführlichen Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt
  • diesem Wunsch sollte nachgekommen werden
  • auf verschiedene Selbsthilfeinitiativen (Gesellschaft zur Erforschung des plötzlichen Säuglingstodes, GEPS) hingewiesen werden
  • Elternbegleitung aufgrund z.B. anhaltender Trauer, Schuldgefühlen, Vereinsamung, Partnerschatskrisen, sozialer Isolierung

Vorgehen bei Geschwisterkindern:

  • bei ALTE- und SIDS-Geschwistern sollte zunächst eine gründliche Untersuchung erfolgen
  • bei patholog. Befunden oder anamnestischer Belastung wird ein Heimmonitor zur Überwachung von Herz- und Atemfrequenz für die Dauer des 1. Lebensjahrs verordnet
  • eingehende Aufklärung der Eltern über das signifikante Mortalitätsrisiko trotz Monitorüberwachung sowie eine Schulung der Eltern bzgl. einfacher Reanimationsmaßnahmen ist unbedingt erforderlich

Komplikationen

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Zusatzhinweise

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Prävention:

durch folgende Maßnahmen kann das SIDS-Risiko gesenkt werden:

  • Rückenlage: Kind sollte vom 1. Tag an immer auf den Rücken schlafen
  • Schlafsack: er ist sicherer als eine Decke, da er sich nicht über den Kopf ziehen lässt
  • Schlafplatz: im 1. Jahr sollte das Kind im Elternschlafzimmer im eigenen Bett schlafen
  • Schutz vor Überwärmung: die Temperatur im Schlafzimmer sollte 18°C nicht überschreiten, schwitzt der Säugling im Nackenbereich, ist es zu warm
  • rauchfreie Umgebung: Rauchen während der Schwangerschaft, in der Wohnung und in Anwesenheit des Kindes solte vermieden werden
  • Stillen: nach Möglichkeit sollte das Kind 6 Monate lang gestillt werden
  • Verwendung eines Schnullers: die Verwendung des Schnullers sollte beginnen, wenn das Stillen gut etabliert ist, und bis zum Ende des 1. Lj. fortgesetzt werden

Literaturquellen

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  1. A.C. Muntau - Intensivkurs Pädiatrie - Urban u. Fischer
  2. S. Illing, S. Spranger - Klinikleitfaden Pädiatrie - Gustav Fischer Verlag
  3. F.C. Sitzmann - Pädiatrie - Duale Reihe - Thieme Verlag

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