Periphere Fazialislähmung

Synonyme: periphere Fazialislähmung, Fazialisparese, Facialisparese, Gesichtslähmung, Bells Palsy

Definition

Periphere Fazialislähmung

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Die periphere Fazialislähmung ist ein Ausfall des N.Facialis, bei der untere und obere Gesichtshälfte betroffen sind.

  • durch eine weiter von seinem Ursprung im Gehirn entfernte Läsion, also einen Defekt im Verlauf des Nerven, verursacht

Ätiologie

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Die Ursachen der peripheren Fazialislähmung sind:

  • die häufigste, akut innerhalb von 1- 2Tagen auftretende Form ist ätiologisch ungeklärt-> idiopathische oder entzündliche Fazialislähmung
  • oft wird der N. Facialis bei lymphozytärer Meningitis befallen
  • früher stand die abortive Polio an erster Stelle der Ursachen
  • heute handelt es sich meist um andere neurotrope Viren oder um Borrelien ( Antikörpernachweis oder PCR im entzündlich veränderten Liquor
  • weitere Ursachen: Mastoiditis, Otitis media, besonders mit Cholesteatom, Entzündungen und Neoplasmen der Schädelbasis, besonders im Kleinhirnbrückenwinkel, Glomustumor, Hirnstammtumor und neoplastischer Meningeosis
  • traumatische Fazialisparesen kommen in 20 % der Längsfrakturen und 50 % der Querfrakturen des Felsenbeins vor
  • im extrakraniellen Verlauf führen fast nur bösartige, selten gutartige Parotistumoren zu Fazialislähmungen
  • traumatische Gesichtslähmungen kommen in 20 % der Längsfrakturen und 50 % der Querfrakturen des Felsenbeins vor

Epidemiologie

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Die peripheren Fazialislähmung ist relativ selten.

  • jährliche Inzidenz 13- 34 / 100.000
  • gehäuft im letzten Schwangerschaftsdrittel und postpartum
  • 8- 10 % rekurrieren ipsi- oder kontralateral
  • bei 5- 10 % der Patienten besteht ein Diabetes mellitus

Differentialdiagnosen

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Keine Differentialdiagnosen bekannt


Anamnese

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Bei der peripheren Fazialislähmung sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Stirnpartie glatt und faltenarm?
  • leicht hängende Augenbraue?
  • gestörtes runzeln der Nase?
  • eingeschränkte Mundspitzen und Mundwinkelhebungen?
  • gestörte Tränensekretion?
  • Störung der Geschmacksempfindung in den vorderen 2 Dritteln der Zunge?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der peripheren Fazialislähmung sind relevant:

  • elektrophysiologische Untersuchung, im Zentrum stehen Blickreflex und die Neurographie des distalen N. facialis
  • bei der Neurographie werden Reizschwelle, bei der es zu einer ersten, motorischen Antwort im M. orbicularis oris oder M. orbicularis oculi kommt, ferner die Latenzzeit bei überschwelliger Reizung ( in ms) und die maximale Potentialamplitude bestimmt
  • Bestimmungen werden im Vergleich zur gesunden Gegenseite ausgeführt, eignen sich auch zur Verlaufsuntersuchung
  • Nadelmyographie erleichtert die Unterscheidung zwischen hochgradiger und kompletter Fazialisparese
  • ist der Stapediusreflex nicht auslösbar, so kann man daraus den Läsionsort proximal vom Abgang des N. stapedius lokalisieren
  • beim kompletten Ausfall des N. facialis ist der Blinkreflex in allen Anteilen früh auf der betroffenen Seite erloschen
  • liegt nur ein Leitungsblock vor, bleibt der periphere Nerv erregbar, während bei der Waller- Degeneration die Reizschwelle zu und die Potentialamplitude schnell abnimmt
  • Dünnschicht CT der Schädelbasis indiziert

Klinik

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Die periphere Fazialislähmung kann eine oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

  • alle vom VII. Hirnnerven versorgten Muskeln, also auch die Stirnmuskeln, sind einseitig in etwa gleichem Ausmaß gelähmt, die Lähmung ist aber nicht immer komplett
  • Restinnervation einzelner Äste, v.a des Stirnastes können differentialdiagnostische Probleme in der Abgrenzung zur zentralen fazialen Parese verursachen
  • im Prodomalstadium häufig Sensibilitätsstörungen in der Ohrmuschel, im Gehörgang oder unmittelbar hinter dem Ohr
  • beeinträchtigung der Tränensekretion ( N.petrosus superficialis major) : zeigt eine Läsion proximal vom G. geniculi an, man prüft vergleichend auf beiden Seiten, indem man Fließpapier am Unterlid befestigt und die Befeuchtung nach 5 min und 10 min beurteilt ( Schirmer Test)
  • Hyperakusis auf der gelähmten Seite zeigt an, dass der Nerv proximal vom Abgang des N. stapedius lädiert ist, d.h. im intrakraniellen Verlauf oder im proximalen Abschnitt des Fazialiskanals
  • Geschmacksstörung auf den vorderen zwei Dritteln der Zunge, beruht auf Mitschädigung afferenter, gustatorischer Fasern im Fazialiskanal, diese haben auf ihrem zentripetalen Verlauf den N. lingualis (V3) verlassen, sind über die Chorda tympani an den Fazialisstamm herangetreten und begleiten ihn bis zum G. geniculi im Knie des Knochenkanals
  • Abnahme der Speichelsekretion: beruht auf Schädigung des N. intermedius zwischen seinem sensiblen G. geniculi und dem Abgang der Chorda tympani

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei der peripheren Fazialislähmung umfassen folgendes:

medikamentöse Therapie:

  • innerhalb 72h nach Auftreten der Symptome: Prednisolon, 2 × 25 mg/d für 10 d
  • alternativ: in der Frühphase Methylprednisolon 1 mg/kg KG/d 5-10 d lang (in absteigender Dosis)
  • Wirksamkeit von Virustatika wie Aciclovir ist nicht belegt (nur bei einer Zosterinfektion indiziert, Dosierung 2000-2400 mg/d über 7 d)

weitere Maßahmen:

  • aktive Innervationsübungen der mimischen Muskeln
  • Prophylaxe gegen sekundäre Hornhautschäden durch Lidschlussdefizit (Seitenschutzbrille, künstliche Tränenflüssigkeit, Augensalben, z.B. mit Dexpanthenol)
  • Bei unvollständiger Rückbildung können zur Unterstützung des Lidschlusses:
  1. Raffung des Unterliedes oder
  2. Einbringung von Goldgewichten in das Oberlied
  • störende Synkinesien können mit Botulinumtoxin behandelt werden.

Komplikationen

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Bei der peripheren Fazialislähmung kommen folgende Komplikationen vor:

  • Lagophtalmus
  • Austrocknung der Cornea

Zusatzhinweise

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  • 75% der idiopathischen Lähmungen heilen unbehandelt spontan vollständig aus, in 20 % tritt Defektheilung ein, ca. 5 % bleiben komplett
  • inkomplette Lähmungen haben gute Heilungschancen
  • 50% der Nervenfasern reichen für eine befriedigende mimische Innervation aus
  • wenn die übrigen 50 % der Waller- Degeneration unterliegen, können sich Mitbewegungen entwickeln

Literaturquellen

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  • Poeck, Hacke, Neurologie, Springer Verlag, 12. Auflage
  • (2007) Berlit P - Basiswissen Neurologie - Springer
  • (2007) Masuhr K.F.,Neumann M - Neurologie,6. Aufl. - Thieme Verlag, Duale Reihe
  • (2007) Buchner H - Neurologische Leitsymptome und diagnostische Entscheidungen - Thieme
  • (2007) Bitsch A - Neurologie "to go" - Wissenschaftliche Verlagsges
  • (2006) Poeck, Hacke, - Neurologie - Springer, Berlin
  • (2006) Mumenthaler M, Mattle H, - Kurzlehrbuch Neurologie - Thieme Verlag

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