Morbus Reiter

Synonyme: Reiter-Syndrom, Reiter-Trias, postinfektiöse Arthritis, parainfektiöse Arthritis

Definition

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Beim Morbus Reiter handelt es sich um eine postinfektiöse Arthritis mit Urethritis, Konjunktivitis, Arthritis und psoriasiformen Hautveränderungen.


Ätiologie

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Der Morbus Reiter wird als reaktive Arthritis aufgefasst.

Dem Gelenkbefall gehen meist ein Darminfekt (Shigellen), eine Urethritis (Chlamydien) oder aber eine Konjunktivitis voraus.

Man unterscheidet zwischen dem "postvenerischen Typ" der Arthritis und dem "postdysenterischen Typ":

  • Typischer Erreger für den postvenerischen Typ ist Chlamydia trachomatis.
  • Der postdysenterische Typ wird meist verursacht durch: Salmonellen (Salmonella enteritidis und Salmonella typhimurium), Shigella flexneri, Shigella dysenteriae, Yersinia enterocolitica, Campylobacter fetus, Clostridium difficile und Mykoplasmen

Epidemiologie

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  • Die Arthritis bei Morbus Reiter ist ein relativ selten vorkommendes Krankheitsbild.
  • Die Prävalenz der Erkrankung liegt bei etwa: 3.5 : 100 000 weltweit und bei 4-5 : 100 000 in den westlichen Ländern.
  • Hauptsächlich betroffen sind junge weiße Männer (m:f = 20:1).
  • Das Hauptmanifestationsalter liegt zwischen dem 20. und 30. (bis 45.) Lebensjahr.

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei dem Morbus Reiter sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Welche Gelenke sind hauptsächlich betroffen?Knie-/Sprunggelenke betroffen?Wurstfinger? Wurstzehe?
  • Wiederkehrende Ergüsse oder Schwellungen?
  • Schmerz mit wanderndem Charakter?
  • asymmetrischer Befall der Gelenke?
  • Allgemeinbefinden schlecht?
  • Vorausgegangender Darm- oder Harninfekt? Bindehautentzündung?
  • Fieber?
  • Gewichtsreduktion?
  • Schmerzlose Ulzerationen auf Zunge und Mundschleimhaut?
  • Hautveränderungen?Psoriasis bekannt?
  • Familienanamnese?
  • Bisherige Therapie? Mit welchem Erfolg?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung des Morbus Reiter sind relevant:

  • Anamnese (vorausgegangener Infekt, positive Familienanamnese)
  • Gelenkstatus erheben: Inspektion, Palpation, Funktionsprüfung
  • klinisches Bild: Trias Urethritis, Arthritis und Konjunktivitis typisch für die Erkrankung
  • Labordiagnostik: BSG, Blutbild, CRP und Synovialanalyse weisen auf ein akut entzündliches Geschehen hin; Nachweis von HLA-B27 (in 60-80 % der Fälle positiv)
  • ESSG-Kriterien (European Spondylarthropathy Study Group Criteria): Arthritis (asymmetrisch od. vorwiegend an unteren Extremitäten) + eines der folgenden Kriterien:

       1. positive Familienanamnese,
       2. Psoriasis vulgaris,
       3. Morbus Crohn/Colitis ulcerosa,
       4. bds.wechselnde Gesäßschmerzen,
       5. Fersenschmerzen,
       6. Sakroiliitis
  • ggf. Histologie: ähnliches Bild einer Psoriasis pustulosa
  • evtl. Stuhluntersuchung (bei immer noch bestehender klinischer Symptomatik), Urinuntersuchung, Urethralabstrich oder Zervixabstrich mit Untersuchung auf Chlamydien und Mykoplasmen, evtl. PCR, Erregerkultur
  • das Röntgenbild zeigt erst bei chronischem Verlauf sekundärarthrotische Veränderungen
  • evtl. MRT-Untersuchung der betroffenen Gelenke

Klinik

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Der Morbus Reiter wird durch folgende klinische Merkmale gekennzeichnet:

Auftreten der Erkrankung:

  • 1-4 Wochen nach einem Infekt (Darminfekt oder Urogenitalinfekt)

unspezifische Symptomatik:

  • Fieber
  • Abgeschlagenheit
  • Bettlägerigkeit 

Organmanifestation:

  • Arthritis: Rötung und Erwärmung eines oder mehrerer Gelenke; asymmetrisch wandernde Oligoarthritis, im späteren Verlauf kommen Gelenkergüsse an den befallenen Gelenken vor; Wurstzehe/ Wurstfinger; Knie-, Knöchel- und Fußgelenke sind am häufigsten betroffen.Kann zur Gelenkimmobilität führen.
  • leichte, schleimige bis trübe Urethritis, häufig von einer milden Prostatitis begleitet oder Zervizitis
  • bilaterale seröse, selten eitrige Konjunktivitis/Iritis
  • an der Mundschleimhaut zeigen sich Erosionen und Ulzera, an der Zunge - Exfoliatio lingua areata
  • Reiter-Dermatose: Erytheme der männlichen  Genitalschleimhaut, Aphten, pustulöse, kräftig schuppende Veränderungen an Handflächen und Fußsohlen
  • Schleimhautveränderungen (z. B. Balanitis circinata)

Verlauf:

  • Dauer: Wochen bis Monaten
  • 30-40 % der Fälle: chronisch - schubweise Verlauf über Jahre

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei Morbus Reiter umfassen folgendes:

  • Primär bei Erregernachweis: antibiotische Behandlung des Darm- oder Harninfektes (10-14 Tage) v.a. mit Tetrazyklinen: Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche > 50 kg Körpergewicht erhalten 4-mal täglich 1-2 Hartkapseln (250 mg) (entsprechend 1000 bis 2000 mg). Patienten ab dem 8. Lebensjahr mit einem Körpergewicht < 50 kg erhalten 2-3-mal täglich 25 bis 35 mg Tetracyclinhydrochlorid/ kg Körpergewicht. Die Behandlungsdauer richtet sich nach dem Verlauf der Erkrankung. 
  • begleitende symptomatische Behandlung der reaktiven Arthritis mit physikalischer Therapie (auch Kryotherapie) und nichtsteroidalen Antirheumatika z.B.: Diclofenac - Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren: 50 - 150 mg Diclofenac-Natrium/Tag, verteilt auf 1 – 3 Einzelgaben. Eine Anwendung von Diclofenac bei Kindern und Jugendlichen < 15 Jahren wird nicht empfohlen (keine ausreichenden Erfahrungen), Ibuprofen - bei Erwachsenen: 200 bis max. 1200 mg/Tag, bei Kindern und Jugendlichen: 7 bis 10mg/kg KG als Einzeldosis, bis maximal 30mg/kg KG als Tagesgesamtdosis
  • bei Monarthritiden: evtl. lokale Kortikoidtherapie
  • bei nicht zu beherrschenden entzündlichen Gelenksymptomen und bei deutlicher Allgemeinsymptomatik: systemische Glykokortikoidtherapie (10-30 mg Prednisolon, kurzfristig)
  • bei schweren Verläufen: Basistherapie mit Sulfasalazin (bei Erwachsenen: 2-3-mal 1000-2000 mg/Tag; bei Kindern ab 6 Jahren: 50 mg/kg Körpergewicht), Methotrexat - Initialdosis: 7,5mg 1-mal wöchentlich oral, als intramuskuläre oder intravenöse Applikation; nach Erreichen des gewünschten Therapieerfolgs: langsame Dosisreduzierung) oder Azathioprin - 2mg/kg KG/Tag, bei Kindern: 2,5 mg/kg KG/Tag; nach Wirkungseintritt sollte die Dosierung auf 1mg/kg KG/Tag beim Erwachsenen und auf 1,5mg/kg KG/Tag bei Kindern gesenkt werden
  • bei starker Pustelbildung: Retinoide z.B. Acitretin per os - Initialdosis: 25 bis 30 mg 1-mal täglich; Erhaltungsdosis: 10 bis 50 mg/Tag ja nach der Auspägung der Erkrankung. Während der Behandlung mit Acitretin ist Sonnenexposition zu vermeiden.
  • evtl. krankengymnastische Therapie, um die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten und Muskelatrophien zu verhindern

Komplikationen

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Bei dem Morbus Reiter kommen folgende Komplikationen vor:

  • in 15-20 % der Fällen besteht die Möglichkeit, dass die reaktive Arthritis in eine chronische Arthritis übergeht
  • persistierende Arthralgien, Rückenschmerzen 
  • Rezidive
  • zunehmende Zerstörung betroffener Gelenken zum Funktionsverlust
  • Okuläre Komplikationen: Iridozyklitis, Sekundärglaukom, Cataracta complicata, Hornhautdegeneration, Synechien, Erblindung

Zusatzhinweise

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Prognose:

  • 1/2 bis 1/3 der Fälle heilt der Morbus Reiter nach dem akuten Geschehen ohne Defekte ab.
  • In chronisch-rezidivierenden Fällen können Gelenkveränderungen zurückbleiben.
  • In 75 % der Fällen heilt die Erkrankung nach 6 Monaten aus.

Literaturquellen

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  1. (2005) Ingrid Moll - Duale Reihe - Dermatologie - Thieme Verlag, 6. Auflage
  2. (2007) Sabrina Furter, Kim Jasch - Crashkurs Dermatologie - Elsevier, Urban & Fischer Verlag
  3. (2008) Konrad Bork, Walter Burgdorf, Nikolaus Hoede - Mundschleimhaut- und Lippenkrankheiten: Klinik, Diagnostik und Therapie. Atlas und Handbuch - Schattauer Verlag, 3. Auflage
  4. (2007) Petres, Rompel - Operative Dermatologie, Lehrbuch und Atlas - Springer
  5. (2009) Rassner G - Dermatologie, Lehrbuch und Atlas - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  6. (2009) Fritsch P - Dermatologie und Venerologie für das Studium - Springer
  7. (2010) Rote Liste
  8. (2007) Altmeyer P - Dermatologische Differenzialdiagnose, Der Weg zur klinischen Diagnose - Springer
  9. (2005) Braun-Falco O, Plewig G, Wolff HH, Burgdorf WHC, Landthaler M - Dermatologie und Venerologie - Springer, Heidelberg
  10. (2007) Hans-Peter Bischof, Jürgen Heisel, Hermann Locher - Praxis der konservativen Orthopädie -  Georg Thieme Verlag


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