Medikamentös-toxisch induziertes Parkinsonsyndrom

Synonyme: Parkinsonoid

Definition

Medikamentös-toxisch induziertes Parkinsonsyndrom

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Das medikamentös-toxisch induzierte Parkinsonsyndrom ist eine neurodegenerative Erkrankung des extrapyrimidalmotorischen Systems mit typischer Symptomtrias Rigor, Tremor und Bradykinese. Die Symptome werden durch Toxine oder Medikamente (=Parkinsonoid) hervorgerufen und sind meist reversibel.


Ätiologie

Medikamentös-toxisch induziertes Parkinsonsyndrom

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Die Ursachen des medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndroms sind:

Medikamente (Parkinsonoid):

  • Neuroleptika (v.a. Phenothiazine, Butyrophenone)
  • Ca-Antagonisten vom Flunarizin-Typ
  • Antihypertensiva (Reserpin, α-Methyldopa, Amiodaron, Amlodipin)
  • Antiemetika (Metoclopramid, seltener Domperidon)
  • SSRI (Fluoxetin, Paroxetin, Citalopram, Sertaline)
  • Valproat
  • Immunsuppressiva
  • evtl. auch Lithium

Toxine:

  • Kohlenmonoxid (CO)
  • Mangan ("Manganismus")
  • Schwefelkohlenstoff
  • MPTP (Produkt des MPPP="synthetisches Heroin")
  • Quecksilber
  • Zyanid
  • Methanol, Ethanol

Pathophysiologie:

Dopaminmangel

→ fehlende Hemmung der cholinergen Neurone und deren Verbindung

→ relatives Überwiegen der cholinergen und glutametergen Innervation


Epidemiologie

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Genaue epidemiologische Daten zum medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndrom sind zur Zeit nicht verfügbar.

Bei den geriatrischen Heimbewohnern beträgt die Inzidenz des medikamentösinduzierten Parkinsonsyndroms schätzungsweise 50% der Neuerkrankungen.


Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Beim medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndrom sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Beginn/Verlauf
  • Vorerkrankungen?
  • Traumata?
  • dementielle Entwicklung?
  • Medikamentenanamnese
  • Berufsanamnese
  • Drogenanamnese
  • bei schlechter Dopa-Responsivität an medikamentös-toxisches Parkinson-Syndrom denken

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung des medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndroms sind relevant:

  • Anamnese
  • neurologische Untersuchung: Kardinalsymptome (Rigor, Tremor, Akinese, posturale Instabilität)
  • evtl. L-Dopa-Test nach UPDRS (schlechtes Ansprechen bei toxischer Ursache)
  • Auslassversuch/Medikamentenumstellung auf sichere Medikamente
  • CT und/oder MRT (Morphologie, Ausschluss von Normaldruckhydrocephalus)
  • PET mit [F18]Fluordopa (verminderte Aufnahme im Striatum)
  • SPECT mit z.B. β-CIT (reduzirte Bindung des Liganden im Striatum) - zur Differenzierung von Parkinson-Plus-Erkrankungen

Klinik

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Das medikamentös-toxisch induzierte Parkinsonsyndrom kann eine oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

  • Frühsymptome unspezifisch: Beginn meist als schmerzhaftes "Schulter-Arm-Syndrom", Hyposmie
  • Rigor
  • asymmetrischer Ruhetremor
  • Bradykinese
  • Zahnradphänomen
  • kleinschrittiges Gangbild
  • Beugung im Bereich der HWS und BWS
  • Stimme wird leiser, heiser und monoton
  • Mikrographie
  • Start- und Umkehrschwierigkeiten
  • organische Depression
  • gleichgewichtserhaltende Reflexe sind gestört
  • Hypomimie

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten beim medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndrom umfassen folgendes:

  • Absetzen auslösender Medikamente → das Parkinsonsyndrom ist meist reversibel
  • Umstellung auf sichere Medikamente je nach Indikation (siehe Zusatzhinweise)
  • KI von L-Dopa und Dopaminagonisten bei Schizophrenie und Psychosen

Bei Behandlungsbedürftigkeit der Parkinson-Symptome:

1.Wahl Anticholinergika

  • Bornaprin: einschleichend bis zu 3 x 2-4 mg/d
  • Biperiden: Initialdosis 2 mg/d, Erhaltungsdosis 6-12 mg/d, max. Dosis 16 mg/d
  • Metixen: 1. Woche 3x2,5 mg, 2.Woche 5-2,5-2,5 mg, 3.Woche 5-5-2,5 mg, 4.Woche 3x5 mg/d, dann wöchentliche Steigerung um 2,5 mg/d bis zu 20-30 mg/d
  • Trihexyphenidyl: initial 1 mg/d, Steigerung um 1 mg/d auf 6-16 mg/d

2.Wahl

Amantadin Initialdosis 100 mg morgens, Steigerung um 100 mg jeden 3. Tag, Gesamtdosis bis zu 400 mg (Amantadin-HCl) oder bis zu 600 mg (Amantadinsulfat) CAVE keine Einnahme nach 16 Uhr!

  • Detoxifikation: z.B. Quecksilber (D-Penicillamin, Dimercapol), Mangan (Ditripentat), CO (4-DMAP, Natriumthiosulfat)

Komplikationen

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Beim medikamentös-toxisch induzierten Parkinsonsyndrom kommen folgende Komplikationen vor:

Weitere Symptome bei Intoxikationen:

  • Quecksilber: Stimmungslabilität (Erethismus mercurialis), sensomotorische Polyneuropathie, Sprach- und Gedächtnisstörungen (Psellismus mercurialis)
  • Mangan: chron. Bronchitis, Lobärpneumonie
  • Schwefelkohlenstoff: Polyneuropathie, Optikusschäden, Enzephalopathie

Weitere medikamentöse Nebenwirkungen:

  • Neuroleptika: Akathesie, orobuccolinguale Frühdyskinesien, Spätdyskinesien, Galaktorrhoe, Amenorrhoe
  • Metoclopramid: paranoid-halluzinatorische Symptome

Zusatzhinweise

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Alternative neuroleptische Therapie bei M. Parkinson:

  • Clozapin - mittlere Tagesdosis 25 mg (höher bei Schizophrenie), einschleichende Therapieinitiierung
  • Quetiapin - 100-300 mg/d, einschleichende Therapieinitiierung

→ atypische Neuroleptika mit wenig extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen


Literaturquellen

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  1. Parkinson: Diagnostik und Therapie - Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie - http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/030-010.htm>
  2. (2007) Gleixner C, Müller M, Wirth S - Neurologie und Psychatrie - Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach
  3. (2008) Grehl H, Reinhardt F - Checkliste Neurologie - Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  4. (2007) Berlit P - Basiswissen Neurologie - Springer
  5. (2007) Masuhr K.F.,Neumann M - Neurologie,6. Aufl. - Thieme Verlag, Duale Reihe
  6. (2007) Buchner H - Neurologische Leitsymptome und diagnostische Entscheidungen - Thieme
  7. (2007) Bitsch A - Neurologie "to go" - Wissenschaftliche Verlagsges
  8. (2006) Poeck, Hacke, - Neurologie - Springer, Berlin
  9. (2006) Mumenthaler M, Mattle H, - Kurzlehrbuch Neurologie - Thieme Verlag

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