Medikamentös ausgelöste Polyneuropathie

Synonyme: medikamentös-toxische PNP

Definition

Medikamentös ausgelöste Polyneuropathie

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Die medikamentös ausgelöste Polyneuropathie ist eine medikamentös bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems mit gleichzeitiger axonaler Degeneration mehrerer peripherer Nerve.


Ätiologie

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Die Ursachen der medikamentös ausgelösten Polyneuropathie sind:

  • primär axonale Schädigung, weniger demyelinisierend
  • jedes Medikament potenziell neurotoxisch
  • Ausprägung abhängig von Therapiedauer und Ausmaß einer etwaigen Überdosierung
  • keine selektive Schädigung des peripheren Nervensystems, sondern Mitbeteiligung des ZNS und des vegetativen Nervensystems

Auslösende Medikamente:

1.) Antibiotika

Penicillin, Ampicillin, Streptomycin, Ethambutol, INH, Dapson, Chloramphenicol, Chloroquin, Gentamicin, Amphotericin, Nukleosidanaloga, HIV-Proteasehemer, Misonidazol, Metronidazol, Polymyxin, Nalidixinsäure, Sulfonamide, Nitrofurantoin

2.) Antikonvulsiva/Psychopharmaka:

Thalidomid, Methaqualon, Gluthetimid, Amitriptylin, Meprobamat, Imipramin, Chlorprotixen, Nialamid, Lithium, Phenytoin, Barbiturate, Lofepramin

3.) Kardiovaskuläre Medikamente:

Amiodaron, Captopril, Antikoagulantien, Nitrate, Lidocain, Phenytoin


4.) Antirheumatika:

Gold, Indomethacin, Colchicin, Phenylbutazon, Mesalazin, Naproxen, D-Penicillamin, Salazosulfapyridin

5.) Weitere Medikamente:

Perhexillin,  Clofibrat, Ergot-Präparate, Hydralazin, Disopyramid, Bupivacain, Disulfiram, Tolbutamin,  Amphetamin, Allopurinol, Methysergid, Hexachlorophen, Propylthiouracil, Morphin, Pyridoxin, Bromocriptin,  Carbimazol, Cimetidin, Interferon, Pethidin


Epidemiologie

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Genaue epidemiologische Daten zur medikamentös ausgelösten Polyneuropathie sind zur Zeit nicht verfügbar.

  • 2-4% aller neurologischen Patienten mit medikamentös bedingten Polyneuropathie

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der medikamentös ausgelösten Polyneuropathie sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • strumpf-/handschuhförmige Missempfindungen?
  • Muskelschwäche?
  • Schmerzen?
  • Bewegungsunruhe der Beine (Restless legs) mit mehrmaligem Erwachen nachts?
  • Blasen-/Mastdarm-/Potenz-/Schweißstörungen?
  • Medikamentenanamnese
  • Vorerkrankungen?
  • Berufsanamnese?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der medikamentös ausgelösten Polyneuropathie sind relevant:

  • neurologische Untersuchung: Muskeleigenreflexe abgeschwächt oder fehlend, Sensibilitätsstörungen, trophische Störungen der Beine, Bewegungsunruhe der Beine
  • Labor: BSG, Eiweißelektrophorese, Retentionsparameter: Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyte, Bestimmung der Kreatinin-Clearance, Eiweißelektrophorese, TSH, Vitamin B12, Folsäure, evtl. CDT bei V.a. Alkoholabusus, Ausschluß anderer Restless-Legs-Formen wie bei Eisenmangel, Diabetes mellitus (HbA1c, BZ, oGTT)
  • Elektrophysiologie: ENG mit verminderter NLG bzw. Amplitudenabnahme (je nach histologischem Subtyp)
  • Nervenbiopsie des N. suralis

Klinik

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Die medikamentös ausgelöste Polyneuropathie kann eine oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

Klinik, Verlauf, Verteilungsmuster sehr variabel:

  • überwiegend distal-symmetrisch sensomotorische Neuropathie
  • "Restless legs"-Symptome mit Brennschmerz, Kribbelparästhesien, Berührungsempindlichkeit und Bewegungsunruhe, die sich bei Herumlaufen bessert
  • Schmerzen
  • sensible Ausfälle: vermindertes Temperaturempfinden (insbesondere Kälteempfinden), Pallhypästhesie
  • trophische Hautveränderungen
  • Amiodaron, Perehexillin typischerweise mit demyelinisierender PNP
  • Gold, Sulfonamide, Thalidomid typischerweise mit schmerzhafter PNP
  • Chloroquin, Colchizin typischerweise mit asymmetrischer PNP
  • Chloroquin, Gentamicin, Dapson, Phenytoin typischerweise mit motorisch betonter PNP
  • Ethambutol, INH, Metronidazol, Penicillin, Taxol typischerweise mit sensibel/autonom betonter PNP
  • Chloramphenicol, Cisplatin, Vincristin typischerweise mit axonal-symmetrischer PNP

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei der medikamentös ausgelösten Polyneuropathie umfassen folgendes:

  • keine kausale Therapie verfügbar
  • strenge Indikationsstellung auslösender Medikamente
  • Vermeidung weiterer neurotoxischer Substanzen (Alkohol, berufliche Noxen/Chemikalien, optimale Einstellung bei bekanntem Diabetes mellitus)
  • bei neuropathischen Schmerzen: Carbamazepin, Gabapentin (bisher keine PNP beschrieben)

Komplikationen

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Bei der medikamentös ausgelösten Polyneuropathie kommen folgende Komplikationen vor:

  • Beteiligung des Rückenmarks (Myeloneuropathie)
  • Beteiligung des vegetativen Nervensystems mit Herzrhythmusstörungen, Blasen-/Mastdarmstörungen, erektiler Dysfunktion

Zusatzhinweise

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  • i.d.R. Rückbildung/statischer Verlauf nach Ende der Exposition

Literaturquellen

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1. Gleixner C, Müller M, Wirth S (2007) - Neurologie und Psychatrie - Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach

2. Grehl H, Reinhardt F (2008) - Checkliste Neurologie,  4. überarbeitete und aktualisierte Auflage - Georg Thieme Verlag, Stuttgart

  • (2007) Berlit P - Basiswissen Neurologie - Springer
  • (2007) Masuhr K.F.,Neumann M - Neurologie,6. Aufl. - Thieme Verlag, Duale Reihe
  • (2007) Buchner H - Neurologische Leitsymptome und diagnostische Entscheidungen - Thieme
  • (2007) Bitsch A - Neurologie "to go" - Wissenschaftliche Verlagsges
  • (2006) Poeck, Hacke, - Neurologie - Springer, Berlin
  • (2006) Mumenthaler M, Mattle H, - Kurzlehrbuch Neurologie - Thieme Verlag

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