Komplex partielle (psychomotorische) Anfälle

Synonyme: komplex-fokale Anfälle, Uncinatus-Anfälle, Temporallappenepilepsie

Definition

Komplex partielle (psychomotorische) Anfälle

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Die komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfälle sind immer mit einer Bewusstseinsstörung einhergehende, jedoch lokal begrenzte epileptische Anfälle mit meist temporal lokalisiertem epileptogenem Fokus.


Ätiologie

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Die Ursachen der komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfälle sind:

Partielle Anfälle sind meist symptomatisch. In 80-90% lässt sich bildgebend eine zugrundeliegende Läsion nachweisen:

  • kongenitale Missbildungen
  • Hirntumoren
  • Ammonshornsklerose
  • Enzephalitis
  • Z.n. operativen Eingriffen
  • toxische/metabolische Läsionen
  • Speicherkrankheiten
  • degenerative und hereditäre Erkrankungen
  • idiopathisch

Lokalisation des epileptogenen Fokus:

  • basaler Temporallappen → limbisches System

Epidemiologie

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Genaue epidemiologische Angaben zu den komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfällen liegen nicht vor.

  • mit 27% die häufigste anatomisch genau lokalisierbare Epilepsieform

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei den komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfällen sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • bekanntes Anfallsleiden?
  • Vorboten/Aura?
  • Zungenbiss/unwillkürlicher Urinabgang?
  • Anfallscharakteristika: Häufigkeit, Kontext des Auftretens?
  • Postiktale Reorientierungsphase: Müdigkeit, psychische Veränderungen, fokale Defizite?
  • (psychiatrische) Vorerkrankungen?
  • Geburtskomplikationen?
  • Stress/Infekt vor dem Ereignis?
  • Kinderkrankheiten mit cerebraler Beteiligung?
  • Z.n. Schädel-Hirn-Trauma?
  • Familienanamnese
  • soziale Anamnese (Beruf, Führerschein, Hobbies)

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfälle sind relevant:

  • neurologische Untersuchung: genaue Anfallsanamnese, Ausschluß, Zungenbiss/Einnässen,  Suche nach weiteren neurologischen Ausfällen (Kraftprüfung)
  • Fieber messen (Infektion als Ursache?)
  • Lumbalpunktion: sofort bei V.a. Meningitis oder Subarachnoidalblutung
  • EEG: paroxysmale Dysrhythmie, hohe Deltawellen oder sharp-waves mit Focus über Temporalregion, in 30% jedoch unauffälliges EEG
  • Labor: bei V.a. zugrundliegenden Stoffwechselstörungen/Speicherkrankheiten (BZ, Ca, Retentionsparameter, Elektrolyte, evtl. Blutalkoholspiegel, CK, Prolaktin)
  • cCT/cMRT: Ausschluß/Nachweis einer ursächlichen Hirnläsion; Klärung der DD Hirnblutung/ischämischer Hirninfarkt

Klinik

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Die komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfälle können eine oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

Typischer Ablauf der Anfälle in 3 Stadien:

  1. Beginn mit Aura: epigastrische Missempfindungen/Übelkeit/Schwindel oder Déja-vu-Erlebnisse, evtl. mit verzerrter Größenwahrnehmung (Dysmorphopsie) und Geruchssensationen
  2. Bewusstseinstrübung für 1-2 Minuten: Dämmerzustand des nicht ansprechbaren Patienten, Automatismen (v.a. oral, Grunzen, nestelnde Bewegungen), starrer Blick
  3. Reorientierungsphase postiktal: prolongierte Reorientierung und Wiedererlangung des Bewusstseins
  • Amnesie für die Anfallsdauer
  • vegetative Störungen relativ typisch: Tachykardie, Hypersalivation, Mydriasis, Blässe, Gesichtsrötung

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei den komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfällen umfassen folgendes:

Medikamentöse Therapie nur bei chronisch-rezidivierenden epileptischen Anfällen nach dem 2. Anfall!

Ausnahme: symptomatische Anfälle → nach 1. Anfall

  • medikametös: Beginn: Monotherapie mit Oxcarbazepin, Carbamazepin (1.Wahl), Valproat, Phenytoin, Levetiracetam (2.Wahl)
  • bei ausbleibendem Therapieerfolg: Kombination mit Lamotrigin, sonst
  • operativ: selektive Amygdalohippokampektomie bzw. anterobasale 2/3-Temporallappenresektion
  • Therapie des Status psychomotoricus mit Clonazepam i.v.

NB: 80% der Patienten werden unter Medikation anfallsfrei, weitere 10-15% werden durch gut-geplante Epilepsiechirurgie geheilt


Komplikationen

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Bei den komplexen partiellen (psychomotorischen) Anfällen kommen folgende Komplikationen vor:

  • sekundäre Generalisation des primär partiellen Anfalls
  • Übergang in einen nicht-konvulsiven Status = Status psychomotoricus
  • 5-fach erhöhtes Suizidrisiko
  • hohes Rezidivrisiko nach Absetzen der Medikation

Zusatzhinweise

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  • Aura als Differenzierungsmerkmal zur Absence
  • Bewusstseinseintrübung länger aber weniger tief als bei Absence
  • Cave: auf riskante, eigen- und fremdgefährdende Tätigkeiten hinweisen: Schwimmen, Bedienung technischer Geräte
  • Führen von Kraftfahrzeugen für mind. 6 Monate verboten (2 Jahre bei nachgewiesener Läsion)

Literaturquellen

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1. Grehl H, Reinhardt F (2008) - Checkliste Neurologie,  4. überarbeitete und aktualisierte Auflage - Georg Thieme Verlag, Stuttgart

2. Poeck K, Hacke W (2006) – Neurologie, 12. aktualisierte und erweiterte Auflage – Springer Medizin Verlag, Heidelberg

3. Gleixner C, Müller M, Wirth S (2007) - Neurologie und Psychatrie - Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach

  • (2007) Berlit P - Basiswissen Neurologie - Springer
  • (2007) Masuhr K.F.,Neumann M - Neurologie,6. Aufl. - Thieme Verlag, Duale Reihe
  • (2007) Buchner H - Neurologische Leitsymptome und diagnostische Entscheidungen - Thieme
  • (2007) Bitsch A - Neurologie "to go" - Wissenschaftliche Verlagsges
  • (2006) Poeck, Hacke, - Neurologie - Springer, Berlin
  • (2006) Mumenthaler M, Mattle H, - Kurzlehrbuch Neurologie - Thieme Verlag

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