Interstitielle Zystitis

Definition

Interstitielle Zystitis

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Die interstitielle Zystitis ist charakterisiert durch chronische Blasenschmerzen bei Blasenfüllung, oft assoziiert mit Drangsymptomatik und Pollakisurie.

Ausschlußdiagnose!


Ätiologie

Interstitielle Zystitis

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Die Pathogenese der interstitiellen Zystitis ist noch unklar:

  • wahrscheinlich sind mehrere Krankheiten mit ähnlicher Ursache involviert [2]
  • Diskutiert werden aber neurogene Entstehungsursachen, Hypoxämie, toxische Urinbestandteile wegen erhöhter Permeabilität der Blasenwand, okkulte Infektionen, immunologische Faktoren
  • Mikrobielle Infektionsauslöser (Streptococcus pyogenes, Ureaplasma urealyticum, Mycoplasma hominis, Gardnerella vaginalis usw.)

Epidemiologie

Interstitielle Zystitis

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Die Prävalenz von interstitieller Zystitis in Europa 18/100.000, 90% der Betroffenen sind Frauen

  • Frauen 10-mal häufiger als Männer im mittleren Alter von 42-52 Jahren
  • Prävalenz in USA 52-67 Frauen pro 100.000 Einwohnern, Inzidenz: 1,2-2,6/100.000 Frauen

Differentialdiagnosen

Interstitielle Zystitis

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Anamnese

Interstitielle Zystitis

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Wichtige Informationen zur Befunderhebung einer interstitiellen Zystitis sind:
  • Schmerzen? Wann? Wie oft? Welcher Art?
  • Schmerzen beim Wasserlassen? Häufiges Wasserlassen? Besonders Nachts?
  • Blut im Urin?
  • Miktionscharakteristika: Wie oft? Schmerzen? Wann? Wieviel Urin?
  • Schon Blasenprobleme in der Kindheit gehabt (häufig!) [2]?
  • Einschränkung der Lebensqualität?
  • Reduzierter Allgemeinzustand?
  • Vorerkrankungen? Infektionen? Medikamenteneinnahme?
  • Bestrahlung? Cyclophosphamid?
  • Partner mitbetroffen?
  • Trinkmenge?

Diagnostik

Interstitielle Zystitis

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Die interstitielle Zystitis ist eine Ausschlußdiagnose! Patienten müssen eine negative Urinkultur und Zytologie aufweisen und es darf keinen anderen Grund wie Bestrahlung, chemische Zystitis (z.B. durch Cyclophosphamid), Herpes genitalis etc. geben.

  • Anamnese und Miktionsprotokoll (Rezidivierende Zystitisbeschwerden, Anzahl Miktionen/Tag), Klinische Untersuchung
  • Urin- und Blutanalyse (sollten normal sein)
  • Zystoskopie (ev. petechiale Schleimhautblutungen, Schleimhautulzeration "Hunner-Ulzera", bioptisch nachgewiesener hoher Mastzellgehalt im Detrusor >28/mm2 ist pathognomisch; Ausschluß Malignität, eosinophile Zystitis und Tuberkulose)
  • Gynäkologische Untersuchung bei Frauen (Ausschluss aller gynäkologischen Krankheiten, Herpes genitalis etc.)

evtl. zusätzlich:

  • Sonographische Darstellung (Ausschlussverfahren von Pyelonephritis und anderer Erkrankungen)
  • MCU (Miktionszystourethrografie)
  • Kaliumsensibilitätstest nach Parsons (nach intravesikaler Instillation einer 0,4- oder 0,2-molaren kaliumhaltigen Lösung berichten Patienten mit IC über eine ausgeprägte Schmerz- und Harndrangzunahme - Sensitivität 75%, Spezifität 99%)

Klinik

Interstitielle Zystitis

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Symptome der interstitiellen Zystitis können sein:
  • Bei gefüllter Blase und während der Miktion starke Schmerzen über der Symphyse
  • Drangsymptomatik
  • Nykturie
  • Zunehmender Verlust der Kapazität (Einschränkung bis 50 ml) bis zur völligen Inkontinenz
  • evtl. Hämaturie

Therapie

Interstitielle Zystitis

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  • nur symptomatische Therapie der interstitiellen Zystitis, kausale Therapie nicht möglich
  • bis 50% Spontanremissionen der Symptomatik ohne Behandlung nach durchschnittlich 8 Monaten [2]

Symptomatische Behandlung

  • Spasmolytika/Anticholinergika: Oxybutynin bis 3x1 Tabl. bzw. Tolterodin retardert 4 mg 1x/d und/oder
  • Antihistaminika: Hydroxyzin 25 mg p.o. abends für 1 Woche , dann Dosissteigerung auf 25 mg tagsüber und 50 mg zur Nacht
  • Kortikoide: Prednison 15 mg/d, Erhaltungsdosis 5 mg/d
  • Analgesie: Nach WHO-Stufenprogramm
  • Trizyklische Antidepressiva in einer Dosierung von 25-75 mg Abends (z.B. Amitriptylin oder Imipramin)
  • Calciumkanalblocker, z.B. Nifedipin [2]

Intravesikale Therapie:

  • Hydrodistensionsbehandlung, auch im Rahmen der Diagnostik: Auffüllen der Blase mit Flüssigkeit; bei 20-30% Verbesserung der Symptomatik [2]
  • Blaseninstillationsbehandlung bzw. Iontophorese (z.B. Hyaluronsäure 40 mg 1x/Woche über 4 Wochen , dann 1x/Monat, DMSO - Dimethylsulfoxyd oder Pentosanpolyphosphat 2x/Woche 300 mg in 50 ml 0,9%ige NaCl- Lösung, evtl in Kombination mit Oxybutininchlorid)

Weitere Therapie:

  • Wiederherstellung der Glukosamin-Glykon-Schicht, Zytoprotektiv: Synthetische Heparin-ähnliche sulfatierte Glykosamine in einer Dosierung von z.B. 300-400 mg/d p.o. verteilt auf 2-3 ED bis zur 2 Jahren oder Prostaglandinanalogon z.B Misoprostol 600 mg/d. Das einzige in den USA zugelassene orale Medikament ist Pentosan polysulfate sodium  (PPS) 100mg 3 x tgl., off-label bis 200mg 2 x tgl, ein Protein, das die defekte Glykosaminschicht wiederherstellen soll [1]
  • Immunmodulatorisch: Immunsuppressiva (z.B. Azathioprin, Ciclosporin) und Kalziumantagonisten (z.B. Nifedipin)
  • Operative Behandlung: Blasenresektion mit Blasenaugmentation, Blasenersatz mit Harnableitung als ultima ratio
  • Alternative Behandlungsverfahren: Entspannungsübungen, Akupunktur, Neuromodulation, Diätische Maßnahmen usw.
  • evtl. Überweisung zu Schmerzspezialisten

Komplikationen

Interstitielle Zystitis

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Als Komplikationen der interstitiellen Zystitis können auftreten:

  • Urosepsis (bei Infektion) bis hin zum Tod
  • Pyelonephritis bis zum Nierenversagen 
  • Harninkontinenz
  • Blasenresektion

Zusatzhinweise

Interstitielle Zystitis

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Die interstitielle Zystitis ist klinisch schwer zu diagnostizieren und schlecht zu therapieren.

Diagnose wird häufig erst nach einer Symptomdauer von  5-7 Jahren (Wegen Fehlinterpretaion der Symptome) gestellt.


Literaturquellen

Interstitielle Zystitis

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  1. (2006) Erickson DR, Sheykhnazari M, Bhavanandan VP - Molecular size affects urine excretion of pentosan polysulfate - J Urol. 175(3 Pt 1):1143-7
  2. (2009) McPhee SJ, Papadakis MA - Current medical dignosis and treatment, McGraw Hill Lange
  3. (2009) Gasser T - Basiswissen Urologie - Springer
  4. (2009) Thüroff J - Urologische Differenzialdiagnose - Thieme
  5. (2008) Keil J - Prüfungsvorbereitung Urologie - Thieme Verlag
  6. (2007) Jocham D, Miller K - Praxis der Urologie - Thieme
  7. (2007) Sökeland J, Rübben H - Taschenlehrbuch Urologie - Thieme Verlag
  8. (2006) Schmelz HU, Sparwasser C, Weidner W - Facharztwissen Urologie - Springer
  9. (2006) Hautmann R, Huland H - Urologie - Springer Verlag
  10. (2005) Eichenauer R, Sandmann J, Vanherpe H - Klinikleitfaden Urologie - Urban & Fischer

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