Inkarzerierte Leistenhernie

Synonyme: Inkarzerierter Leistenbruch, inkarzerierte Inguinalhernie

Definition

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Die Leistenhernie ist eine Ausstülpung von Fett und/oder Bauchorganen durch einen Bruchsack im Bereich der Leiste.

indirekte Leistenhernie: am häufigsten (ca. 2/3); Verlauf aus dem inneren Leistenring durch den Leistenkanal zum äußeren Leistenring; lateral der A. epigastrica, v.a. bei Kindern und Frauen

direkte Leistenhernie: Verlauf durch Faszia transversalis direkt zum äußeren Leistenring; medial der A. epigastrica; v.a. bei Männern

Eine inkarzerierte Leistenhernie kommt vor, wenn sich Darmanteile im Bruchsack einklemmen. Dies kommt eher bei kleinen als bei großen Leistenhernien und im Alter vor.


Ätiologie

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Begünstigende Faktoren einer Leistenhernie bei Kindern allgemein: [1]

  • Frühgeburtlichkeit
  • Fehlbildung des Urogenitaltraktes (Hodenhochstand, Blasenexstrophie)
  • Intraabdominelle Drucksteigerung (Omphalozele, Gastroschisis, Aszites, VP-Shunt, Peritonealdialyse)
  • Chronisch respiratorische Insuffizienz
  • Bindegewebsdefekte
  • Lokalisation: zu 60% auf der rechten Seite

Erwachsene allgemein:

  • Lang andauernder Erhöhung des Bauchinnendrucks, wie zum Beispiel während der Gravidität, Aszites oder aufgrund von Obstipation
  • meist kongenital vorhanden, auch wenn erst später im Leben auffällig

Inkarzerierte Leistenhernie:

  • eher bei kleinem als großem Bruchsack
  • eher im Alter

Epidemiologie

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Epidemiologie der inkarzerierten Leistenhernie:

  • bei Kindern: Irreponibilität/ Inkarzeration; geschlechtsunabhängige Inzidenz von 12 – 17%
  • bei Erwachsenen: das Risiko ist am größten direkt nach Manifestation der Hernie; in einer Studie an 439 Hernien betrug die kumulative Wahrscheinlichkeit einer Inkarzeration 2,9% nach 3 Monaten und 4,5% nach 2 Jahren [3]. Das Risiko einer Inkarzeration ist geringer bei einer großen Hernie.

Differentialdiagnosen

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Anamnese

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Bei der inkarzerierten Leistenhernie sind folgende Informationen von Bedeutung :

  • Schmerzcharakter: Seit wann? Welcher Art? Wie stark von 0-10, wenn 10 das höchste ist ("bei lebendigem Leib verbrannt werden")? Wo? Verlauf?
  • Schwellung in der Leiste seit wann? zurückdrückbar bis wann?
  • Stuhlgang wann zuletzt?
  • Auftreten: Wie? Plötzlich? Unfall? Schläge? Sport?
  • Übelkeit? Erbrechen? Wenn ja, seit wann?
  • Bekannte Erkrankungen des Bauchraumes?
  • frühere Leistenhernien-OPs?
  • Begünstigende Faktoren abfragen: Rauchen, COPD, Aortenaneurysma, schweres Heben, familiäre Häufung, Appendektomie, Prostatektomie, Bauchfelldialyse
  • Erkrankungen?
  • Medikamenteneinnahme?
  • Beruf?
  • bei Kindern: Frühgeburt? Fehlbildungen oder andere Erkrankungen bekannt?

Diagnostik

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Zur diagnostischen Abklärung der inkarzerierten Leistenhernie sind relevant :

1. Anamnese (s. dort) und Klinik:

  • Palpation, Hernie reponibel, Schmerzen? Bei Männern Anheben des Skrotums mit einem Finger und Palpation des Ringes durch den Skrotalsack hindurch
  • Operationsnarben in der Leistenregion?
  • Beide Seiten begutachten!
  • reponibel?
  • Hoden untersuchen
  • digital-rektale Untersuchung
  • Aszites?
  • Genitalbereich untersuchen: Anomalien?
  • vergrößerte Lymphknoten
  • Ausstrahlender Schmerz wohin? In den Lendenwirbelbereich?
  • Abszesse, Weichteiltumoren?
  • Ileussymptomatik? Übelkeit, Erbrechen, Schwellung des Abdomens, Auskultation des Abdomens: erst Hyperperistaltik, dann Totenstille
  • Messung der Hernie nach Fingern: eine Hernie der Größe 1 misst demnach 1,5 - 2cm [2]

2. evtl. Sonographie:

  • als Ergänzung sinnvoll; Blutfluss im Hoden?

3. selten MRT oder Herniographie erforderlich [2]


Klinik

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Die inkarzerierte Leistenhernie kann eines oder mehrere der folgenden Symptome zeigen:

Bei Kindern:

  • bei Symptomatik: Irreponibilität/ Inkarzeration; geschlechtsunabhängige Inzidenz von 12 – 17%, am häufigsten im 1. Lebensjahr, besonders bei Frühgeborenen und Säuglingen. Inkarzerat: Gonade, Intestinum [1]
  • Schmerzen, Weinen
  • evtl. Schwellung des Abdomens und Erbrechen bei Ileus
  • Abwehrspannung
  • Diagnosestellung der kindlichen Leistenhernie erst bei  Inkarzeration in 65% der Fälle [8], häufiger bei Mädchen (dann häufig ein Ovar im Bruchsack)

Bei Erwachsenen:

  • vor Inkarzeration (abfragen!): Gefühl der Schwere oder des Unbehagens in der Leiste, vermehrt bei Erhöhung des intraabsominalen Drucks beim Heben schwerer Lasten, Husten, Stuhlgang etc.
  • bei Inkarzeration: starke Schmerzen, Schwellung, Rötung und Fieber bei Strangulation oder Inkarzeration möglich => Notfall!
  • Abwehrspannung
  • evtl. Schwellung des Abdomens und Erbrechen bei Ileus

Therapie

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Die inkarzerierte Leistenhernie ist ein Notfall und sollte möglichst innerhalb von 4-6h operiert werden, um einen Verlust des Darms zu vermeiden!

Kinder: [1]

  • Asymptomatische Leistenhernien werden elektiv operiert (Zeitrahmen 1 Monat), symptomatische entweder früh-elektiv (24 – 48 Stunden nach Reposition in Sedierung) oder als Notfall (bei Inkarzeration)
  • ambulante Versorgung möglich; kurzstationäre Behandlung bei: Alter < 6 Monate, Frühgeburtlichkeit, Komorbidität
  • Frühgeborene sollten vor Entlassung nach Hause operiert werden
  • Anästhesie: Vollnarkose in Kombination mit Regionalanästhesie (Kaudalblock), selten spinale Anästhesie bei ehemaligen Frühgeborenen
  • bei prädisponierenden Faktoren und Begleiterkrankungen sollte eine Exploration der Gegenseite stattfinden
  • Verfahren: Konventionell: Jungen: nach Ferguson (Ligatur des Bruchsackes am inneren Leistenring), Mädchen: nach Ferguson/ Bastianelli (Fixierung des Lig. teres uteri) oder laparoskopisch durch Verschluß des inneren Leistenrings durch direkte Naht (2-/3-Trokar-Technik, nicht-resorbierbares Nahtmaterial)

Erwachsene: [2]

  • bei inkarzerierten Hernien ohne Strangulation: Versuch der Reposition möglich
  • bei Inkarzeration mit Strangulation Notoperation
  • Bei symptomatischen Leistenhernien geplante Operation
  • Bei Frauen: Schenkelhernie erwägen, preperitonealen endoskopischen Zugang erwägen

Operationstechnik bei Männern: [2]

  • Einseitige Primärhernie: Netzplastik nach Lichtenstein, alternativ bei entsprechender Expertise auch endoskopische Netzplastik (TEP)
  • Beidseitige Primärhernie: Netzplastik nach Lichtenstein oder endoskopische Netzplastik (TEP)
  • Rezidivhernie: Netzplastik. Anpassung der Technik entsprechend der vorangegangenen Operation. Bei Voroperation mit anteriorem Zugang: offene preperitoneale Netzplastik oder endoskopische Netzplastik (TEP). Bei Voroperation mit posteriorem Zugang: anteriore Netzplastik nach Lichtenstein.
  • Komitee der EHS: bei endoskopischen Verfahren generell Vorzug der totalen extraperitonealen Plastik (TEP) vor der transabdominalen preperitonealen Plastik (TAPP)
  • Das Komitee der EHS hält in Bezug auf offene Netzplastiken lediglich die Methode nach Lichtenstein für ausreichend wissenschaftlich abgesichert und evaluiert.
  • Bei ASA-Klasse I und II Operation meist ambulant, bei ASA-Klasse III und IV Erwägen eines ambulanten Eingriffes unter Lokalanästhesie

Medikamente:

  • Breitspektrum-Antibiose intra- und postoperativ nötig!

Postoperativ:

  • gutes Outcome, meist schnelle Erholung
  • 4-6 Wochen kein Heben schwerer Lasten > 10 Kilo

Komplikationen

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Als Komplikationen der inkarzerierten Leistenhernie können auftreten:

Kinder: [1]

  • Darmischämie und Darmnekrose 
  • Sepsis bis hin zum Tod

nach OP:

  • Infektion der Wunde (bei konventionellem Verfahren 1,5%)
  • Skrotalschwellung
  • Hodenhochstand
  • Hydrozele (laparoskopisch 0,7%)
  • Ductus deferens-Läsion (konventionell 0,06%)
  • Hodenatrophie (konventionell 0,3%; laparoskopisch 0,2%)
  • Infertilität
  • Rezidiv (konventionell 1,2%; laparoskopisch 4,1%)

Erwachsene:

  • Darmischämie und Darmnekrose
  • Sepsis bis hin zum Tod
  • Serome und Hämatome postoperativ
  • chronische Schmerzen postoperativ; in einer Studie an 2500 Patienten hatten 30% 3 Jahre nach OP noch Schmerzen und 11-14% Schmerzen bei Aktivitäten wie Sitzen oder Gehen [5]

Zusatzhinweise

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?

Es liegen derzeit keine Zusatzhinweise zur inkarzerierten Leistenhernie vor.


Literaturquellen

Inkarzerierte Leistenhernie

Bearbeitungsstatus ?
  1. AWMF-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: Leistenhernie, Hydrozele, Version 12/2010, AWMF-Register-Nr. 006/030
  2. Berufsverband niedergelasener Chirurgen (2009): Hernienkongress: EHS präsentiert ihre Leitlinien zur Versorgung von Leistenbrüchen unter http://www.bncev.de/, accessed February 3rd, 2012
  3. Gallegos NC, Dawson J, Jarvis M, Hobsley M (1991): Risk of strangulation in groin hernias. Br J Surg. 78(10):1171.
  4. Fitzgibbons RJ Jr, Giobbie-Hurder A, Gibbs JO, Dunlop DD, Reda DJ, McCarthy M Jr, Neumayer LA, Barkun JS, Hoehn JL, Murphy JT, Sarosi GA Jr, Syme WC, Thompson JS, Wang J, Jonasson O (2006): Watchful waiting vs repair of inguinal hernia in minimally symptomatic men: a randomized clinical trial. JAMA. 295(3):285.
  5. Fränneby U, Sandblom G, Nordin P, Nyrén O, Gunnarsson U (2006): Risk factors for long-term pain after hernia surgery. Ann Surg. 244(2):212.

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Urologie

Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von med2click kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen