Hüftdysplasie und Hüftluxation

Definition

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Eine Hüftdysplasie ist eine kombinierte Fehlanlage und Entwicklungsstörung des Hüftgelenks.

Eine Hüftluxation ist eine Dezentrierung des Hüftkopfs aus der Gelenkpfanne basierend auf einer Hüftdysplasie.


Ätiologie

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Ursachen von Hüftdysplasie und Hüftluxation sind:

  • genetisch bedingt oder erworben (z.B. bei intrauteriner Dehnung der Kapsel bei Lageanomalie, muskuläres Ungleichgewicht bei neurologischen Defekten)
  • erstes 1/2 Lebensjahr: Abwanderung des Hüftkopfes nach hinten-oben→ Kopf wandert aus der Pfanne → "Auswalzen" des entsprechenden Pfannenanteils → Luxation des Hüftkopfs
  • Bewegung des Femurkopfes bedingt durch Muskelzug (Säugling) bzw. Körpergewicht
  • Fazit: Fehlentwicklung des Gelenkes → verminderte Belastbarkeit, Dysplasiekoxarthrose

Epidemiologie

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Hüftdysplasie und Hüftluxation sind eine der häufigsten angeborenen Skelettvariationen:

  • familiäre Häufung
  • in Deutschland: Manifeste Erkrankung bei 0,5%, Dyplasie bei 3%
  • w:m ca. 5:1

Differentialdiagnosen

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Anamnese

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Wichtige zu erhebende Informationen bei Hüftdysplasie und Hüftgelenksluxation sind:

  • Geburt: Beckenendlage, Sektio, Frühgeburt?
  • weitere Anomalien: Wirbeisäulendeformität, Klumpfuß, Schiefhals?
  • Familienanamnese

Diagnostik

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Zur diagnostischen Abklärung der Hüftdysplasie und Hüftluxation sind relevant:

1. Screening in den ersten Lebenstagen: Sonographie nach Graf

  • standardisierte Darstellung der Säuglingshüfte
  • Orientierungspunkte: Unterrand des Os ileum, Darmbeinschaufel, Labrum acetabuli
  • Messung von α- und β-Winkel (optimal: α≥60°, β≤55°)
  • Einteilung in Typ I-IV anhand der gemessenen Werte → evtl. Therapie (ab Typ IIb)

2. Röntgenbild:

  • erst ab dem 3. Lebensmonat aussagekräftig
  • Darstellung der Fehlstellung von Kopf und Pfanne (Coxa valga antetorta), Pfannendachwinkel sollte ≤20° sein
  • Hilgenreiner-Koordinatensystem: mediale Schenkelhalsecke außerhalb des inneren unteren Quadranten
  • Ménard-Shenton-Linie erscheint auf dysplastischer Seite unterbrochen
  • Einteilung in Stadium I-IV abhängig von Höhe des Hüftkopfes
  • Befunde immer abhängig vom Alter des Patienten

Klinik

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Zur Symptomatik bei Hüftdysplasie und Hüftluxation gehören:

bei Dysplasie

Einseitige Problematik:

  • Hautfaltenasymmetrie (V.a. Beinverkürzung)
  • Abduktionshemmung (in Beugestellung von Knie und Hüfte)
  • Verkürzung des Beins auf der kranken Seite (absolut durch Wachstumsrückstand, relativ durch Luxation bzw. Subluxation)
  • Bewegungsarmut (Kinder lernen später laufen, ermüden schneller)
  • Ortolani-Zeichen (Schnappphänomen)

Beidseitige Störung:

  • o.g. Zeichen ebenfalls vorhanden, doch weniger aufffällig, da kein Vergleich mit gesunder Seite möglich
  • Watschelgang
  • Hohlkreuzbildung: bedingt durch starke Verkippung des Beckens nach vorn.

bei Luxation (Symptome ab dem 2. Lebensjahr deutlich):

  • betroffene Seite: Bein kürzer und dünner, Trochanter springt vor/steht höher
  • "Glissement" (Längsverschiebung) des Hüftkopfes möglich, Kopf weit lateral tastbar
  • Adduktorendelle (bei Rückenlage evtl. leere Pfanne als Vertiefung lateral der Adduktoren erkennbar)
  • Abduktionseinschränkung
  • positives Trendelenburg-Zeichen
  • Beckenschiefstand (bei einseitiger Luxation) → skoliotische Fehlhaltung
  • Ausbildung eines Spitzfußes infolge Beinverkürzung

Therapie

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Zur Therapie von Hüftdysplasie und Hüftluxation:

Das Frühzeitige Erkennen einer Dysplasie und konsequente Behandlung sind essentiell um einer Fehlentwicklung zu begegnen.

Das Konzept ist abhängig vom Alter des Patienten sowie vom klinischen, sonographischen, radiologischen Befund.

Verschiedene Prinzipien werden unterschieden:

  1. Retention (Nachreifung): Behandlungsbeginn möglichst vor 6. Lebenswoche. Spreizhose, Retentionsorthese
  2. Geschlossene Reposition: "subluxierte" und luxierte Gelenke. Extensionsreposition, Repositionsorthese (Hanausek-Apparat, Fettweis-Gips)
  3. Offene Reposition: bei 1-3jährigen Kindern, wenn Einstellung des Kopfes auf Grund von Hindernissen (eingeklemmtes Labrum) nicht möglich. Retentionsbehandlung im Anschluss
  4. funktionelle Nachbehandlung: Physiotherapie, gemäßigte Spreizstellung in Ruhe

Operationen zur Stellungskorrektur von Hüftkopf und -pfanne in Form verschiedener Osteotomien sind möglich, abhängig von Befund und Alter des Patienten. Evtl. sind Kombinationen (z.B. offene Reposition mit varisierender Osteotomie) erforderlich.

Prophylaktische Behandlung aller Neugeborenen mit Spreizwindeln ist kontraindiziert (Hüftkopfnekrosen bei 2-3% der gesunden Hüftgelenke)


Komplikationen

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Mögliche Komplikationen von Hüftdysplasie und Hüftluxation sind:

Luxations-Perthes: Hüftkopfnekrose

  • abhängig von individueller Disposition und durchgeführter Behandlung
  • Ursache: Gefäßschädigung
  • manuelle Einrenkung, starre Fixation, Retention in Extrempositionen mit höherer Komplikationsrate als schonende Verfahren
  • bei schonender Therapie bei <10%
  • Defektheilung und sekundäre Arthrose nach Nekrose

Luxationsrezidiv in den ersten Lebensjahren möglich


Zusatzhinweise

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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Pränatale/teratologische Luxationen (= bereits zum Zeitpunkt der Geburt luxiertes Gelenk) sind praktisch irreponibel, jedoch sehr selten.

Komponenten der Hüftdysplasie:

  • Hypoplasie und Steilstellung der Pfanne
  • Hypoplasie des Hüftkopfkerns
  • Coxa valga et antetorta

Prognose:

  • Alter des Kindes bei Therapiebeginn entscheidend: bei Beginn vor 3. Lebensmonat fast 100%ige Heilungsquote
  • Heilungsrate verschlechtert sich rapide bei Therapiebeginn nach dem 2. Lebensjahr

Literaturquellen

Hüftdysplasie und Hüftluxation

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  1. (2007) Mayatepek E - Pädiatrie - Urban & Fischer, Elsevier
  2. (2007) Muntau AC - Intensivkurs Pädiatrie - Urban & Fischer, Elsevier
  3. (2006) Breusch S, Mau H, Sabo D - Klinikleitfaden Orhopädie - Urban & Fischer, Elsevier
  4. (2005) Rössler H, Rüther Wolfgang - Orthopädie und Unfallchirurgie - Urban & Fischer, Elsevier

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