Habitueller Abort

Synonyme: Abortus habitualis, Spontanabortneigung

Definition

Habitueller Abort

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WHO-Definition des habituellen Abortes:

drei und mehr konsekutive Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche [1]

Einteilung:

  • primärer Spontanabort: keine ausgetragene Schwangerschaft
  • sekundärer Spontanabort: mindestens
    eine erfolgreiche Schwangerschaft

Ätiologie

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Ursachen eines habituellen Aborts:
  • genetisch: im ersten Trimester zwischen 50 und 60% genetisch (Trisomie, X-Monosomie, Polyploidie am häufigsten), vermehrt bei ansteigendem Alter mit signifikanter Korrelation zu Trisomie 16, 21 und 22 [1]
  • häufigste chromosomale Veränderung: balancierte Translokation (beim Elternpaar 4% im Gegensatz zu 0,2% in der Normalbevölkerung) [1]
  • anatomisch: Bei ca. 15-30% der Patientinnen finden sich Uterusanomalien [1] z.B. Uterusseptum (Abortrate 26 bis 94%,), Uterus bicornis (Abortrate 28 bis 44%), Uterus duplex (Abortrate 13 bis 42%), submuköse Myome. Am häufigsten mit ca. 25% ist das Uterusseptum [1]
  • mikrobiologisch z.B. Ureaplasma urealyticum, Chlamydia trachomatis, bakterielle Vaginose; aber: kontrovers diskutiert [1]
  • endokrin: besonders Hypothyreose und  PCO-Syndrom, metabolischem Syndrom [1]. Evtl. auch relative LH-Hypersekretion,  Hyperandrogenämie und Hyperinsulinämie als Ursache; hierbei jedoch unsichere Datenlage [1]
  • psychisch z.B. emotionaler Stress, Depression
  • immunologisch: z.B. Antiphospholipidsyndrom: Prävalenz positiver Antikardiolipin-Antikörper bei Frauen mit wiederholtem Spontanabort zwischen 5 und 51%, 0-20% Lupus-Antikoagulans positiv. Unbehandelt bis 90% wiederholter Spontanabort bzw. schwere Schwangerschaftskomplikationen [1].
  • Thrombophilie: Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombin-Mutation, Protein-S-Mangel [1]
  • evtl. alloimmunologische Faktoren (aktive immunologische Auseinandersetzung
    zwischen Mutter und Fetus); bisher kein wissenschaftlicher Zusammenhang nachgewiesen [1]

Epidemiologie

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Inzidenz des habituellen Abortes 1-2% der Frauen mit Kinderwunsch [1]
  • Wiederholungsrisiko 11-15% bei 0 vorangegangenen Aborten
  • Wiederholungsrisiko 12-24% bei 1 vorangegangenem Abort
  • Wiederholungsrisiko 19-35% bei 2 vorangegangenen Aborten
  • Wiederholungsrisiko 25-46% bei 3 vorangegangenen Aborten

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Wichtige Informationen zum habituellen Abort sind:
  • Wie viele vorangegangene Aborte?
  • Wann letzte Vorsorgeuntersuchung?
  • Uterusmalformationen bekannt?
  • Vorerkrankungen z.B. Schilddrüsenkrankheiten?
  • Stress?
  • Medikamente?
  • Gerinnungsstörungen?

Diagnostik

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Abklärung und  Diagnostik des habituellen Abort nach Richtlinien der European Society of Human
Reproduction and Embryology (ESHRE)[1]:
  • Abklärung angeborener thrombophiler Faktoren (Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombin-Mutation, Protein-C und -S, Antithrombin)
  • Abklärung autoimmunologischer Probleme (Antiphospholipid-Syndrom)
  • Ausschluss endokriner Ursachen (TSH, TPO-AK, ggf. ein OGTT [75 g] mit gleichzeitiger Bestimmung von Insulin nüchtern, nach ein und zwei Stunden zur Beurteilung einer Insulinresistenz),
  • Ausschluss genetischer Ursachen (humangenetische Beratung des Ehepaares, Karyotypisierung des Abortmaterials)
  • Ausschluss anatomischer Ursachen (Hysteroskopie als Diagnostik der Wahl, alternativ Hysterosalpingographie)
  • Ausschluss vaginaler Infektionen: Zervixabstrich auf Ureaplasma, Chlymidia, Mykoplasma
  • Untersuchung der alloimmunologischen Faktoren nur unter Studienbedingungen

Klinik

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Symptome des habituellen Aborts sind:

  • mindestens 3 spontan aufeinander folgende Aborte mit:
  • fehlenden Kindsbewegungen
  • Blutungen
  • Unterbauchschmerzen

Therapie

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generelle Empfehlungen [1]:
  • Patientinnen mit nachgewiesenen chromosomalen Störungen auf die Möglichkeit der Präimplantationsdiagnostik, donogenen Insemination und der Pränataldiagnostik hinweisen
  • psychische Betreuung; durch wöchentliche medizinische und sonographische
    Untersuchungen konnten in einer Studie in 85% eine erfolgreiche Schwangerschaft erzielt werden [1]!

Thrombophilie:

  • niedermolekulares Heparin (Dosierung nach den Empfehlungen der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung), bei erhöhten Antikardiolipin-Antikörpern oder Lupus-Antikoagulans unfraktioniertes Heparin + 100 mg Acetylsalicylsäure tägl.. Versagerquote 30%, dann evtl. therapeutische Dosen von niedermolekularem Heparin oder zusätzlich
    Immunglobulinen i.v.

alloimmunologische Ursache (umstritten! Behandlung nach strengen Einschlusskriterien und nur unter
Studienbedingungen):

  • allogene Lymphozytenimmunisation mit paternalen Lymphozyten (cave: Infektionsübertragung und Bildung irregulärer
    erythrozytärer und thrombozytärer Antikörper möglich) [1]
  • intravenöse Immunglobuline (widersprüchlcihe Datenlage), nach den Richtlinien der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) von 2006 off-label-use, nur unter Studienbedingungen empfohlen [1]
  • humanes Leukozytenultrafiltrat: Zulassung für diese Anwendung fraglich, wird nicht von allen Krankenkassen übernommen, es existieren nur wenige Daten [1]

Endokrinopathie:

  • Behandlung je nach Ursache
  • evtl. bei positiven TPO-Antikörpern Behandlung mit L-Thyroxin; hierzu existiert allerdings nur eine Studie [1]
  • evtl. präkonzeptionelle Einnahme von Metformin bei Hyperinsulinämie, jedoch existieren dazu noch keine validen Daten [1]

anatomische Anomalien:

  • operative Korrektur, bei rezidivierenden Spätaborten und zervikaler Verschlussinsuffizienz evtl. Cerclage/totaler Muttermundverschluss, evtl. mit gezielter antibiotischer Behandlung [1]

submuköse Myome:

  • hysteroskopische Abtragung [1]

Progesteronunterstützung:

  • im ersten Trimenon (v.a. beim Fehlen offensichtlicher anderer Ursachen) [1]

Komplikationen

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Zur Zeit liegen keine Daten zu Komplikationen des habituellen Abortes vor.


Zusatzhinweise

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Zur Zeit gibt es keine Zusatzhinweise zum habituellen Abort.


Literaturquellen

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  1. (2010) Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der
    Arbeitsgemeinschaft Immunologie in Gynäkologie und Geburtshilfe (AGIM) - Diagnostik und Therapie beim wiederholten
    Spontanabort, AWMF-Leitlinienregister 015/050
  2. Haag, Hanhart, Müller (2007/08)- Gynäkologie und Urologie- Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach
  3. Pschyrembel (2002)-klinisches Wörterbuch- de Gruyter, Berlin
  4. (2009) Straus A, Janni W, Maass N - Klinikmanual Gynäkologie und Geburtshilfe - Springer Medizin Verlag
  5. (2009) Probst T - Checklisten Gynäkologie und Geburtshilfe - Urban & Fischer, Elsevier
  6. (2008) Goerke K, Steller J, Valet A - Klinikleitfaden Gynäkologie / Geburtshilfe - Urban und Fischer Verlag, Elsevier
  7. (2007) Breckwoldt M, Kaufmann M, Pfleiderer A - Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme
  8. (2006) Kiechle M - Gynäkologie und Geburtshilfe - Urban & Fischer Verlag
  9. (2006) Diedrich K - Gynäkologie und Geburtshilfe - Springer, Berlin
  10. (2005) Kirschbaum, Münstedt - Checkliste Gynäkologie und Geburtshilfe - Thieme Verlag

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Gynäkologie und Geburtshilfe

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