Enuresis
Synonyme: Enuresis nocturna, unkomplizierte Enuresis, Bettnässen
Definition
Enuresis
Als Enuresis bezeichnet man unwillkürlichen Harnabgang ab einem chronologischen Alter von 5 Jahren und einem geistigen Intelligenzalter von 4 Jahren.
Enuresis
Ätiologie
Enuresis
Ursachen der Enuresis sind:
Unreife des ZNS:
- in Abhängigkeit von der ZNS-Reife gibt es unterschiedliche Enuresis-Formen, welche nach der jeweiligen Weckreaktion und der Harnblasenstabilität vor dem enuretischen Ereignis unterschieden werden (keine Weckreaktion, instabile Harnblase - geringe Weckreaktion, stabile Harnblase - starke Weckreaktion, stabile Harnblase)
- im Verlauf entwickeln enuretische Kinder immer stärkere Weckreaktionen vor dem Einnässen, dies spricht für eine Unreife des ZNS, die Harnblasenfüllung zu Erkennen und den Miktionsreflex zu unterdrücken
Störungen der Vasopressin-Sekretion:
- der zirkadiane Rhythmus der Vasopressin-Sekretion führt zu einer Halbierung der Urinproduktion in der Nacht
- viele Kinder mit Enuresis haben einen gestörten Rhythmus der Vasopressin-Sekretion
- die nächtliche Urinproduktion übersteigt die Harnblasenkapazität und führt zum Einnässen
- die Vasopressin-Ausschüttung wird u.a. durch die Harnblasenfüllung stimuliert, so kann die nächtliche Harnblasenentleerung bei enuretischen Kindern die niedrige nächtliche Vasopressin-Konzentration erklären
- weiterhin kann die gestörte Vasopressin-Sekretion Ausdruck einer verzögerten ZNS-Reife sein
Miktionsfehlverhalten:
- ohne anatomische Störungen kann ein Miktionsfehlverhalten zu Miktionsbeschwerden und Enuresis führen
- das Verzögern der Miktion führt zu einem erhöhten Sphinktertonus, welcher beim Toilettengang nicht mehr ausreichend relaxiert
- die entstehende funktionelle subvesikale Obstruktion führt im Verlauf zu einer Detrusorhypertrophie, zu Harnblaseninstabilität und Enuresis
Urodynamische Auffälligkeiten:
- die Inzidenz von autonomen Detrusorkontraktionen bei reiner Enuresis liegt um 15% und ist vergleichbar mit der Norm
- häufig ist eine verminderte funktionelle Harnblasenkapazität nachweisbar
Familiäre Faktoren:
- die Wahrscheinlichkeit für eine Enuresis beträgt 77%, wenn beide Eltern enuretisch waren oder 43%, wenn ein Elternteil enuretisch war
- ohne familiäre Belastung beträgt die Wahrscheinlichkeit 15%
Enuresis Epidemiologie zu:
Enuresis
Epidemiologie
Enuresis
Zur Epidemiologie der Enuresis sind folgende Daten bekannt:
- Enuresis diurna: Mädchen > Jungen
- Enuresis nocturna: Jungen > Mädchen
- 80%: Enuresis nocturna
- die Spontanheilungsrate beträgt jährlich 15% bis zur Pubertät
- die Prävalenz liegt dann unter 2%
- die Enuresis kann selten bis ins Erwachsenenalter persistieren
Inzidenz der Enuresis:
- 25-33% der 4 jährigen Kindern
- 15% der 5-6 jährigen Kindern
- 5-7% der 7 jährigen Kindern
- 1% der 15 Jährigen
Enuresis Differentialdiagnosen zu:
Enuresis
Differentialdiagnosen
Enuresis
- Harnwegsinfektionen bei Kindern
- Blasendivertikel
- Harninkontinenz
- Blasenentleerungsstörungen bei mechanischer Obstruktion
- Blasenentleerungsstörungen bei funktioneller Obstruktion
- Detrusorbedingte Blasenentleerungsstörungen
- Diabetes mellitus Typ II
- Diabetes mellitus Typ 2
- Harnwegsinfektionen
- Diabetes mellitus (Begleiterkrankung bei OP)
- Diuretika (Prämedikation)
- Diabetes mellitus Typ 1
Enuresis Anamnese zu:
Enuresis
Anamnese
Enuresis
Bei der Enuresis sind folgende Informationen von Bedeutung:
Enuresis diurna:
- Verzögerung beim Wasserlassen?
- Psychische Probleme?
- Harndrang?
- Geringere Harnflussrate?
- Unfreiwilliger Harnabgang, z.B. beim Niesen?
- Wie oft?
- Familienanamnese?
Enuresis nocturna:
- Auffällige Miktion während des Tages, z.B. Harndrang?
- Häufiges Einnässen?
- Zusätzliche psychiatrische Störungen?
- Schläft das Kind tief?
- Wie oft?
- Familienanamnese?
Enuresis Diagnostik zu:
Enuresis
Diagnostik
Enuresis
Die Diagnose der Eunresis lässt sich mit folgenden Untersuchungen gestalten:
Miktionstagebuch:
- nach einer Anleitung werden für 2 Wochen das Trinken (Uhrzeit, Volumen), die Miktion (Uhrzeit, Volumen) und die Defäkation (Uhrzeit) dokumentiert
- weiterhin dokumentiert werden der Zeitpunkt von Drangsymptomen und Harninkontinenz.
Urin:
- Sediment und Kultur zum Ausschluss eines Harnwegsinfektes
Ultraschall:
- Detektion von Miktionsstörungen (Dicke der Harnblasenwand? Restharn?)
- Ausschluss von pathologischen Befunden am oberen Harntrakt (Nierengröße? Harnstau? Parenchymnarben?)
Weiterführende Diagnostik:
- bei auffälligen Befunden in den vorangegangenen Untersuchungen oder bei frustraner Therapie sind weiterführende Untersuchungen notwendig: Harnstrahlmessung mit Beckenboden-EMG, MCU, Urodynamik, Nierenszintigraphie, Urogramm, Zystoskopie
Enuresis Klinik zu:
Enuresis
Klinik
Enuresis
Das klinische Bild der Enuresis zeigt sich folgendermaßen:
- Tiefer Schlaf und schwere Erweckbarkeit
- Miktionsauffälligkeiten (situationsabhängiges Auftreten beim Spielen etc.)
- Haltemanöver (von einem Bein auf das andere hüpfen, Hockstellung, Fersensitz)
- Drangsymptome
- Pressen zu Beginn der Miktion
- Schmerzen beim Wasserlassen, sonstige Hinweise auf Harnwegsinfekte
- Obstipation
- Kindlicher Leidensdruck
- Attribution der Eltern
Enuresis Therapie zu:
Enuresis
Therapie
Enuresis
Therapie der Enuresis setzt sich zusammen aus:
- Urotherapie (geregeltes Trink- und Miktionsverhalten → 50 ml pro kg KG bis 17 Uhr und 1 h vorm Schlafen keine Getränke mehr)
- zeigt dies keinen Erfolg, kann mit Hilfe der Kombination von Urotherapie + Medikamenten oder weiterer Therapieformen ein Erfolg erzielt werden
medikamentöse Therapie:
- Problem beim Absetzen der Medikamente = hohe Rezidivraten
1. Desmopressin:
- Dosierung: zunächst 200 μg p.o. 0-0-1 über 2 Wochen
- nur bei fehlendem Effekt Erhöhung auf 400 μg p.o. 0-0-1 für 2 Wochen
- bei erfolgreicher Therapie Fortsetzung der Desmopressin-Therapie für 8 Wochen
- ausschleichen der Desmopressin-Gaben über 6 Wochen (2 Wochen jeden zweiten Tag, 2 Wochen 2x/Woche, 2 Wochen 1x/Woche)
- die Dosisreduktion wird nur dann fortgesetzt, wenn das Kind trocken bleibt
2. Anticholinerge Therapie:
- Dosierung: z.B. Propiverin täglich 0,8 mg/kgKG in 2-3 Einzeldosierungen
- nach 8 Wochen Ausschleichen der Therapie um 5 mg/Woche
- therapiealternativen mit höherer Wirksamkeit und stärkeren Nebenwirkungen sind Trospium und Oxybutinin
Weiterführende Therapie:
- bei V.a. eine habituelle Miktionsstörung kommt die Biofeedback-Therapie zur Anwendung
- bei V.a. funktionelle Harnblasenhalsobstruktion sind Alpha-Blocker eine Option
- bei Verhaltensstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) helfen Psychotherapie und weitere medikamentöse Maßnahmen
Alternative Therapieformen:
- interessante neue Therapieformen wie Akupunktur und Hypnose konnten in prospektiven Studien ihre vergleichbare Wirksamkeit zur medikamentösen Therapie demonstrieren
Enuresis Komplikationen zu:
Enuresis
Komplikationen
Enuresis
Die Enuresis ist mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Infolge der Enuresis kann es zu psychischen Auffälligkeiten kommen.
Enuresis Zusatzhinweise zu:
Enuresis
Zusatzhinweise
Enuresis
Es wird unterschieden zwischen der primären Form mit kontinuierlichem Einnässen seit der Geburt und der sekundären Form bei der eine mindestens 3 Monate lange Phase ohne Einnässen besteht.
- tags (Enuresis diurna)
- nachts (Enuresis nocturna)
- tags und nachts (Enuresis diurna et nocturna)
Enuresis Literaturquellen zu:
Enuresis
Literaturquellen
Enuresis
- (2009) Gasser T - Basiswissen Urologie - Springer
- (2009) Manski D - Lehrbuch der Urologie (urologielehrbuch.de) - Eigenverlag
- (2009) Thüroff J - Urologische Differenzialdiagnose - Thieme
- (2007) Jocham D, Miller K - Praxis der Urologie - Thieme
- (2006) Schmelz HU, Sparwasser C, Weidner W - Facharztwissen Urologie - Springer
- (1999) Palmtag H, Goepel M, Heidler H - Urodynamik - Springer
- (2009) Klußmann R, Nickel M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer Verlag, Wien
- (2009) Mentzos S - Lehrbuch der Psychodynamik - Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/BRO
- (2009) Janssen P, Joraschky P, Tress W - Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherap - Deutscher Ärzte Verlag
- (2008) Rentrop M, Müller R, Bäuml J - Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
- (2007) Rudolf - Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik - Thieme
- (2007) Arolt V, Reimer C, Dilling H - Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie - Springer
- (2006) Fritzsche K, Wirsching M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer
Enuresis
Assoziierte Krankheitsbilder zu Enuresis
- Diabetes mellitus Typ 1
- Diabetes mellitus Typ 2
- Diabetes mellitus Typ II
- Harnwegsinfektionen
- Harnwegsinfektionen bei Kindern
- Blasendivertikel
- Blasenentleerungsstörungen bei funktioneller Obstruktion
- Blasenentleerungsstörungen bei mechanischer Obstruktion
- Detrusorbedingte Blasenentleerungsstörungen
- Diabetes mellitus (Begleiterkrankung bei OP)
- Diuretika (Prämedikation)
- Harninkontinenz
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