Eisenmangelanämie

Synonyme: mikrozytäre Anämie

Definition

Eisenmangelanämie

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Eine Anämie ist eine

  • Verminderung der Hämoglobinkonzentration (unter 13,5 g/dl bzw.  unter 8,3 mmol/l bei Männern; unter 12,0 g/dl bzw. unter 7,4 mmol/l bei Frauen)
  • Oder Verminderung des Hämatokrits (unter 40% bei Männern; unter 37% bei Frauen) oder
  • Verminderung der Erythrozytenzahl (unter 4,6-6,2 T/l bei Männern;  unter 4,2-5,4 T/l bei Frauen), dies ist jedoch nicht der empfindlichste Paramater eine Anämie zu diagnostizieren.

Bei einer Eisenmangelanämie sind

  • Eisen ↓
  • Ferritin
  • MCH ↓ (mittlerer korpuskulärer HB- Gehalt)
  • MCV ↓ (mittleres korpuskuläres Volumen)

Somit zählt die Eisenmangelanämie zu den hypochromen mikrozytären Anämien. Sie tritt immer dann auf, wenn die körpereigenen Eisenreserven erschöpft sind [2]. Somit zählt sie zu den Anämien durch Bildungsstörungen.


Ätiologie

Eisenmangelanämie

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Die Eisenmangelanämie ist die weltweit am häufigsten vorkommende Anämie.

Sie kann entstehen durch:

  • Mangelhafte Zufuhr von Eisen (Säuglinge, Kinder, Vegetarier)
  • Störungen in der Eisenresorption (Z.n. Magenresektion, Malassimilationssyndrom, Zöliakie)
  • Gesteigerter Bedarf (Wachstum, Schwangerschaft, Stillperiode)
  • Eine gesteigerter Eisenbedarf besteht vor allem im 2. Drittel der Schwangerschaft, da das intravasale Volumen im Verhältnis zu Erythrozytenzahl ansteigt; Fetus (Bildung der parenchymatösen Organe) und Plazenta benötigen ebenfalls Eisen
  • Eisenverluste z. B. durch Blutungen
  • Chronisch- entzündliche Erkrankungen (chronisch entzündliche Darmerkrankungen)
  • Genetische Ursachen sind selten z.B. bei eisenrefraktäre Eisenmangelanämie (Loaloscon et al. 2009)

Epidemiologie

Eisenmangelanämie

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Eisenmangelanämie

  • Ist die mit ca. 80% die weltweit am häufigsten vorkommende Anämieform
  • In 80% der Fälle einer Anämie in der Schwangerschaft ist ein Eisenmangel die Ursache
  • Ca. 25% aller Menschen weltweit leiden unter Eisenmangel

Differentialdiagnosen

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Anamnese

Eisenmangelanämie

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Spezielle Anamnese bei V.a Eisenmangelanämie:

  • Wurde eine Schwangerschaft festgestellt?
  • In welcher Woche befindet sich die Schwangere?
  • Gibt oder gab es Menstruationen mit stark vermehrter Blutung?
  • Besteht Schwächegefühl?
  • Besteht Atemnot bei Belastung (Treppensteigen)?
  • Bestehen häufig Kopfschmerzen?
  • Leidet die Patientin unter Konzentrationsstörungen?
  • Ist die Patientin in letzter Zeit leicht erregbar?
  • Besteht eine Blässe der Haut oder Schleimhäute?
  • Bestehen bekannte Vorerkrankungen, z. B. im Magen- Darm- Bereich ( Verminderte Aufnahme von Folsäure möglich)?
  • Leidet die Patientin unter einer Ess- Brech- Störung?
  • Besteht Übelkeit?
  • Besteht Erbrechen?
  • Besteht Durchfall?
  • Bestehen Veränderungen an den Fingernägeln (Rillenbildung, Brüchigkeit)?
  • Wurde vermehrter Haarausfall festgestellt?
  • Bestehen Einrisse in den Mundwinkeln (Mundwinkelrhagaden)?
  • Kommen häufig Veränderungen der Mundschleimhaut vor (Aphten)?
  • Besteht eine trockene Haut, evtl. mit Juckreiz?
  • Besteht Zungenbrennen oder Schmerzhaftigkeit im Mund-Rachen- Raum (DD: Plummer-Vinson- Syndrom)?
  • Bei Kindern: kamen in letzter Zeit häufig bakterielle Infekte wie Mandelentzündungen vor oder bestehen trockene juckende Hautveränderungen (atopisches Ekzem)?
  • Bei älteren Patienten: kamen in letzter Zeit häufiger Pilzinfektionen in Hautfalten vor (z.B. Intertrigo der Leisten)?

Weiterhin muß die allgemeine Anamnese durchgeführt werden.


Diagnostik

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Folgende Befunde weisen bei der körperlichen Untersuchung auf eine Eisenmangelanämie in der Schwangerschaft hin:

  • Inspektion: Blässe, evtl. Abgeschlagenheit, trockene haut, brüchige Nägel, Mundwinkelrhagaden
  • Auskultation: Tachykardie, Dyspnoe, Systolikum

Eine Eisenmangelanämie kann man außer mit den klinischen Symptomen nur mit einer Blutanalyse diagnostizieren. Man kann den Eisenmangel in verschiedene Stadien einteilen [1,3]:

Latenter Eisenmangel (Sideropenie):

  • Serum- Ferritin ↓ (zeigt die Füllung der Eisenspeicher an)
  • Eisengehalt im Knochenmark ↓
  • Löslicher Transferrinrezeptor ↑ (kann auch bei hämolytischen Anämien oder chronischen Lebererkrankungen erhöht sein)

Funktioneller Eisenmangel, zusätzlich:

  • Transferrinsättigung < 20 %
  • Transferrin
  • Hypochrome Erythrozyten > 10 %
  • Sideroblasten im Knochenmark ↓
  • Serumeisen↓
  • Retikulozytenhämoglobin < 28 pg (zeigt die Effizienz der Erythrozytenhämoglobinisierung an; deshalb früher Marker)

Manifester Eisenmangel, entspricht einer Eisenmangelanämie, zusätzlich:

  • Hämoglobin
  • Erythrozyten ↓ (u.U. erst etwas später, da erst die Hämoglobinkonzentration sinkt)
  • Hämatokrit
  • Morphologische Veränderungen der Erythrozyten (Poikilozytose, Anisozytose)
  • MCV (Mittleres korpuskuläres Volumen) < 85 fl
  • MCH (Mittlerer korpuskulärer Hämoglobingehalt) < 28 pg
  • Gelegentlich Thrombozytose

Ist die Eisenmangelanämie im Blut diagnostiziert, muß die Ursache geklärt werden.

Häufigster Grund sind Blutungen!

Weitere Diagnostik

  • Besteht eine Schwangerschaft? Dann ist dies häufig ein Grund. Um einen chronischen Blutverlust auszuschliessen, sollte vor der Behandlung eine Untersuchung auf occultes Blut im Stuhl veranlasst werden.

Alle anderen

  • Blutungsquelle im Magen- Darm- Trakt ausschließen (Stuhlprobe auf okkultes Blut untersuchen, Gastroskopie, Endoskopie des Darmes)
  • Blutungsquelle im Urogenitalbereich ausschließen (Urinuntersuchung, Ultraschall, gynäkologische Untersuchung)
  • Untersuchung des Patienten, sind evtl. große Hämatome vorhanden?
  • Evtl. liegt eine Störung der Eisenresorption vor → z. B. Zöliakie
  • Gastrointestinale Tumore ausschließen (Sonographie Abdomen, ggf. CT)

Klinik

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Bei einer Eisenmangelanämie treten folgende unspezifische klinische Symptome auf:

  • Müdigkeit
  • Blässe der Haut uns Schleimhaut
  • Tachykardie
  • Evtl. Ohrensausen
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsstörungen
  • Leichte Erregbarkeit
  • Schwäche
  • Belastungsdyspnoe
  • Rillenbildung der Nägel
  • Brüchigkeit der Nägel
  • Diffuser Haarausfall
  • Chronisch- rezidivierende Aphten der Mundschleimhaut
  • Trockene Haut mit Pruritus
  • Evtl. sytolisches Geräusch über dem Herzen (Strömungsturbulenzen bei verminderter Viskosität)
  • Kinder haben häufig Streptokokkeninfekte oder atopisches Ekzem
  • Ältere Menschen haben häufig Candida- Infektionen

Therapie

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Eine Substitution von Eisen sollte bei der Eisenmangelanämie wie folgt stattfinden [1] [4].

Orale Therapie:

  • z.B. Eisen (II)- Sulfat Dragees 100-200 mg auf 2 Gaben verteilt
  • Dauer: 3-6 Monate
  • Nach einer Woche müssen Retikulozyten und Hb- Wert ansteigen
  • Nebenwirkungen: Schwarzfärbung des Stuhls, gastrointestinale Beschwerden → Einnahmeempfehlung während oder nach dem Essen

Parenterale Therapie:

  • Nur dreiwertiges Eisen
  • 2-3x wöchentlich 100-200 mg per infusionem oder sehr langsame Injektion
  • Vorab Testdosis von 25 mg bzgl. Verträglichkeit
  • Keine Mischspritzen mit anderen Medikamenten verabreichen
  • Komplikationen: Hitzegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Metallgeschmack, Kollaps, anaphylaktischer Schock, Thrombophlebitisgefahr, Gefahr der Überdosierung.

Schwangere ab einem Hb- Wert < 10 g/dl:

  • Eisen (II)- Salze 100-200mg pro Tag verteilt auf drei Dosen
  • i.v.- Therapie in der Schwangerschaft ist obsolet
  • i.m. Therapie ist selten notwendig
  • nach 1 Woche sollten Retikulozytenzahl und Hb-Wert angestiegen sein

Komplikationen

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Unter Therapie ist bei typischer und erklärbarer Anamnese, sowie passendem Blutbild keine Komplikation der Eisenmangelanämie in der Schwangerschaft zu erwarten.

Zum Auftreten kognitiver Defizite bei einem schweren Eisenmangel in der Fetalzeit oder frühen Schwangerschaft gibt es unterschiedliche Diskussionen. Um dieses Risiko zu vermeiden, sollte bei Schwangeren auf jeden Fall eine entsprechende Blutuntersuchung durchgeführt werden.

Weitere Komplikationen können z.B. aus einer nicht entdeckten gastrointestinalen Blutung oder einem nichtdiagnostizierten Tumorleiden entstehen.


Zusatzhinweise

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Cave:

Nur Eisen (II) kann ausreichend im Darm resorbiert werden (ca. 20%). Deshalb ist nur Eisen (II) für eine orale Therapie geeignet.

Eisentherapie nicht gleichzeitig mit:

  • Antazida (verminderte Resorption durch verminderte Säureproduktion)
  • Tetrazyklinen (Komplexbildner)
  • Colestyramin (wechselseitige Resorptionsstörungen)
  • Ascorbinsäure= Vitamin C ( verhindert die Oxidation zu Eisen (III) vor der Resorption)

Bei Kindern können Eisentabletten zu lebensbedrohlichen Intoxikationen führen! Antidot: Desferoxamin.


Literaturquellen

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  1. AWMF Leitlinie der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, Register Nr. 025/021; Behnisch, Muckenthaler, Kulozik, Klinik für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Immunologie, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Angelika Lautenschläger Klinik Universität Heidelberg; Aktualisierung 12/2010
  2. Allgemeine und Spezielle Pathologie, Riede/ Schaefer, 4. Auflage, Thieme- Verlag, S.538
  3. Herold, Innere Medizin 2010
  4. Rote Liste 2008, Herausgeber Rote Liste GmbH, Frankfurt/ Main
  5. Deutsches Ärzteblatt 2005; 102:A 580-586, Heft 9: Neue Parameter zur Diagnostik von Eisenmangelzuständen: Retikulozytenhämoglobin und löslicher Transferrinrezeptor, Thomas, Thomas, Heimpel

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