Binge-Eating-Disorder

Synonyme: Binge-Eating-Störung,

Definition

Binge-Eating-Disorder

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Die Binge-Eating-Disorder ist eine psychiatrische Erkrankung, die durch die Kombination von Heißhunger-bedingten Essattacken und fehlenden Gegenmaßnahmen gekennzeichnet ist. Oftmals geht sie mit Übergewicht oder Adipositas einher.


Ätiologie

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Zur Ätiologie der Binge-Eating-Disorder liegen folgende Daten vor:

  • die ätiologischen Zusammenhänge zwischen Adipositas und Binge-Eating-Disorder sind derzeit unklar [16]
  • in 50% der Fälle ist die Binge-Eating-Disorder mit Übergewicht bzw. Adipositas assoziiert [15]

Epidemiologie

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Zur Epidemiologie der Binge-Eating-Disorder liegen folgende Daten vor:

  • Die Binge-Eating-Disorder ist bei Frauen häufiger als bei Männern (Geschlechterpräferenz w>m) [19]
  • sie ist mit zahlreichen anderen psychiatrischen Erkrankungen assoziiert: etwa 79% der Patienten weisen mind. 1 andere psych. Erkrankung auf [19]
  • Lebenszeitprävalenz in den USA: 3,5% für Frauen, 2,0% für Männer [19]
  • die Prävalenz ist nicht in signifikantem Ausmaß von Rasse, Ehestand oder Beschäftigungsverhältnis abhängig [19]
  • Erkrankungsalter (durchschnittlich): etwa 25 Jahre [19]

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Folgende Aspekte sind bei der Anamneseerhebung zur Binge-Eating- Disorder zu beachten:

  • Welche Beschwerden bestehen? Seit wann?
  • Ggf. Grund der Einweisung?
  • Alter?
  • Aktuelles Gewicht und Größe?
  • Zeitlicher Verlauf der Gewichtsveränderung?
  • Bedeutung der Nahrungsaufnahme / Diätpläne etc.?
  • Essverhalten? Wie oft? Wie viel?
  • Essattacken mit Kontrollverlust?
  • Selbst herbeigeführtes Erbrechen?
  • depressive Verstimmungen?
  • Darmerkrankungen bekannt? Chronisch? Voroperiert?
  • Sonstige Grunderkrankungen?
  • Psychiatrische Vorerkrankungen?
  • Störungen der Impulskontrolle oder Persönlichkeitsstörungen bekannt?
  • Einnahme von Medikamenten?
  • Stressbelastung?
  • Wird Sport getrieben? Welcher? Wie oft?
  • Ähnliche Fälle in der Familie?
  • Soziale Kontakte? Freunde? Familie?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der Binge-Eating-Disorder sind relevant [14]:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • Inspektion: ausladendes Abdomen? Acanthosis nigricans (z.B. im Nacken?), Allgemeinzustand, syndromale Erkrankung? Fehlhaltungen?
  • Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
  • Gefäßstatus erheben, Pulse tasten und auskultieren
  • neurologischen Status erheben (Gesichtsfeld, Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination, Hirnnerven)
  • Gelenke untersuchen (Einschränkung der Beweglichkeit?), Mobilität prüfen
  • Bestimmung des Gewichts und der Körperlänge, Berechnung des BMI wie folgendermaßen erläutert:
  • Bestimmung des von Hüft- und Taillenumfang:
  • deutlich erhöhtes Risiko für sek. Stoffwechselerkrankungen bei Werten ab 88cm (w) oder 102cm (m) - Hüftumfang (auf Höhe des Trochanter major)
  • Berechnung der waist-to-hip-ratio (WHR), also des "Taille-zu-Hüftumfang-Quotienten":
  • WHR > 0,85 (w) bzw. >1,0 (m): "androider Fettverteilungstyp": besonders hohes Komplikationsrisiko
  • Blutdruckmessung, ggf. 24h-Blutdruckmessung
  • Labor: BB, TSH basal, Gesamt-Cholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride, Blutzucker (nüchtern), BZ-Tagesprofil, GOT, GPT, γ-GT, Lp(a), Homocystein, Harnsäure
  • Bei V.a. endokrine Störung zusätzlich: Dexamethason-Kurztest, Oraler Glucose-Toleranz-Test, HbA1c
  • Sonographie des Abdomens (Fettleber, Gallensteine, Arteriosklerose der Aorta)
  • Sonographie der Schilddrüse
  • EKG
  • Psychologische Untersuchung:
  • strukturiertes Interview
  • allgemeine Tests: Persönlichkeitstests, Leistungstests
  • Fragebögen

Beachte: es sollten stets somatische und psychiatrische Erkrankungen, die mit einem Gewichtsverlust einhergehen können, in die Differentialdiagnostik einbezogen werden!


Klinik

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Folgende Klinik ist für die Binge-Eating-Disorder charakteristisch [20]:

  • mindestens 2x pro Woche über 6 Monate Essattacken mit Enthemmung / Kontrollverlust
  • es werden keine Gegenmaßnahmen (z.B. Diäten, Erbrechen, vermehrte körperliche Aktivitäten, Medikamentenabusus) ergriffen

Mindestens 3 der folgenden Kriterien sollten bei Stellung der Diagnose einer Binge-Eating-Disorder zutreffen:

  • Essen großer Mengen trotz fehlenden Hungergefühls
  • Essen dieser Portionen in kürzerer Zeit als üblich
  • Essen bis ein Gefühl des Unwohlseins / des "Überessens" entsteht
  • Essen unter Ausschluss anderer Person aufgrund von Scham wegen der großen Mengen an Nahrungsmitteln
  • Ein Gefühl von Ekel vor sich selbst, Depressionen oder Schuldgefühle nach den Essattacken

Beachte: Es gibt keine das Körpergewicht betreffende Kriterien für die Binge-Eating-Disorder!


Therapie

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Zur Therapie der Binge-Eating-Disorder:

Folgende Therapieoptionen existieren:

Psychotherapie / Verhaltenstherapie [16]

  • kognitiv-behaviorale Therapie
  • dialektische Verhaltenstherapie
  • interpersonelle Therapie
  • psychodynamische Therapie
  • Familientherapie
  • Psychosoziale Interventionen
  • Selbsthilfe-Gruppen

Darüber hinaus sollten folgende Therapiemöglichkeiten zur Anwendung kommen:

  • Aufstellen eines ausgewogenen Ernährungsplans
  • Führen eines Ernährungstagebuchs
  • Ernährungsberatung
  • gemeinsames Essen
  • Erstellen eines Bewegungsplans

Medikamentöse Therapie [16]

  • Antidepressiva, z.B. SSRI: Fluoxetin oral, 1x 20mg tgl.

In schweren Fällen ist eine chirurgische Therapie der Adipositas zu erwägen [18]:

  • Bei einem BMI ≥40 kg/m² ist bei Erschöpfung der konservativen Therapie nach umfassender Aufklärung eine bariatrische Operation indiziert
  • Bei einem BMI zwischen 35 und 40 kg/m² und mit mind. einer Adipositas-assoziierten Folge-/Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzkrankheit) ist eine chirurgische Therapie indiziert, sofern die konservative Therapie erschöpft ist
  • Bei Diabetes mellitus Typ 2 kann bereits bei einem BMI zwischen 30 und 35 kg/m² eine bariatrische Operation im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erwogen werden
  • Mögliche Verfahren sind das Einsetzen eines Magenbandes, Schlauchmagen, Roux-Y-Magen-Bypass oder die BPD mit duodenalem
    Switch (BPD-DS)
    . Ferner können ein Ein-Anastomosen-Bypass, biliopankreatische Teilung (BPD) oder die vertikale Bandplastik (VBP) eingesetzt werden

Beachte: Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Impulsivität und sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte sind mit einem schlechten Outcome assoziiert! [16]

Die Therapie ist langzeitlich ausgerichtet und muss Rückfälle berücksichtigen! [16]


Komplikationen

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Bei der Binge-Eating-Disorder sind - insbesondere bei Vorliegen einer Adipositas - folgende Komplikationen möglich [17]:

  • Metabolisches Syndrom mit Hypertonie, Dyslipoproteinämie, gestörter Glucosetoleranz
  • Diabetes mellitus
  • Arteriosklerose
  • Hyperurikämie, Cholelithiasis und Fettleber(hepatitis)
  • kardiovaskuläre Erkrankungen: KHK, Apoplex, Beinvenenthrombosen, thromboembolische Komplikationen
  • orthopädische Erkrankungen mit Fehlhaltungen, Arthrosen, Fehlstellungen und Epiphysiolysis
  • obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
  • Syndrom der polyzystischen Ovarien: Sterilität, Hirsutismus, Menstruationsbeschwerden
  • EPH-Gestose
  • Hormonelle Störungen: bei Männern vermehrte Östrogenproduktion, Potenzstörungen, bei Frauen durch mehr Androgene Haarausfall, Seborrhoe, Akne, sekundäre Amenorrhoe
  • Krebserkrankungen: Darmkrebs, Brustkrebs, Endometriumkarzinom, Prostatakebs
  • Infektionen der Haut in den Hautfalten: z.B. Pilzinfektionen (Intertrigo)
  • Striae der Haut
  • Verschlechterung anderer Vorerkrankungen: z.B. Herzinsuffizienz
  • psychosoziale Folgen wie vermindertes Selbstwertgefühl, Depression, Isolation

Zusatzhinweise

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Zusatzhinweise zur Binge-Eating-Disorder:

  • Mit einer durchschnittlichen Erkrankungsdauer von 14 Jahren liegt die Binge-Eating-Disorder deutlich über der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa (beide etwa 6 Jahre) [16]

Literaturquellen

Binge-Eating-Disorder

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  1. (2009) Speer CP, Gahr M - Pädiatrie - Springer
  2. (2007) Koletzko B - Kinder- und Jugendmedizin- Springer
  3. (2007) Muntau AC - Intensivkurs Pädiatrie- Elsevier
  4. (2006) Sitzmann F C - Duale Reihe Pädiatrie - Thieme
  5. (2008) Kreckmann M - Fallbuch Pädiatrie - Thieme
  6. (2009) Klußmann R, Nickel M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer
  7. (2009) Mentzos S - Lehrbuch der Psychodynamik - Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/BRO
  8. (2009) Janssen P, Joraschky P, Tress W - Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherap - Deutscher Ärzte Verlag
  9. (2008) Rentrop M, Müller R, Bäuml J - Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  10. (2007) Rudolf G - Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik - Thieme
  11. (2007) Arolt V, Reimer C, Dilling H - Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie - Springer
  12. (2006) Fritzsche K, Wirsching M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer
  13. (2006) Herold G - Innere Medizin - Gerd Herold Verlag
  14. (2006) AWMF-Leitlinie - Essstörungen - Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
  15. (2005) Didide E R - Binge eating and psychological distress: is the degree of obesity a factor? - Eat Behav
  16. (2007) Devlin, MJ - Binge-eating disorder and obesity - Binge-Eating Disorder: Clinical Foundations and Treatment - Guilford Press
  17. (2007) AWMF-Leitlinie - Prävention und Therapie der Adipositas - Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG)
  18. (2010) AWMF-Leitlinie - Chirurgie der Adipositas - Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V. (DGAV)
  19. (2007) Hudson J I - The prevalence and correlates of eating disorders in the National Comorbidity Survey Replication - Biol Psychiatry
  20. (2000) American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4, American Psychiatric Association
  21. (2006) Pope H G - Binge eating disorder: a stable syndrome - Am J Psychiatry

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

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