Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Synonyme: ADHS, Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktives Syndrom, hyperkinetisches Syndrom, hypermotorisches Syndrom, , ADHD, Attention-Deficit Hyperactivity Disorder

Definition

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ist durch ein durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität gekennzeichnet, das in einem für den Entwicklungsstand des Betroffenen abnormen Ausmaß situationsübergreifend auftritt.


Ätiologie

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms sind Dysfunktionen in Regelkreisen zwischen präfrontalem Kortex, parietooccipitalem Kortex, Basalganglien und Cerebellum auf dem Boden einer Neurotransmitterfunktionsstörung. Dabei wichtige Rolle spielen:

  • genetische Faktoren
  • perinatale Traumen (Alkohol, Nikotin, andere Drogen)
  • Störungen der Entwicklung (Frühgeburtlichkeit, zerebrale Erkrankungen)
  • Störungen der Koordination

Epidemiologie

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ist häufig.

  • Häufigkeit (international): 9,2% für Jungen und 2,9% für Mädchen
  • in Deutschland: bei 6-10 Jahre alten Kindern 6%

Differentialdiagnosen

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Anamnese

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Beim Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • Wird beim Patienten motorische Unruhe deutlich?
  • Besteht eine Aufmerksamkeitsstörung?
  • Ist der Betroffene impulsiv und leicht erregbar?
  • Kann das Kleinkind schwer still sitzen?
  • Ist das Kind im Schulalter unruhig?
  • Bestehen Lernstörungen?
  • Wird die Ausführung anstrengender Aufgaben gemieden?

Sozialanamnese:

  • Wohn- und Familiensituation
  • Geschwisterreihe
  • Familienstand
  • berufliche
    Situation und Bildungsweg der Eltern
  • Tagesablauf
  • Alltagsaktivitäten
  • gemeinsam verbrachte
    Zeit
  • Erziehungsstil der Eltern
  • Hausaufgabensituation
  • Spielen, Freundschaften, Stärken/
    Hobbies

Familienanamnese:

  • Erkrankungen in der Familie (auch Verhaltensauffälligkeiten und Lern-
    Leistungs-Karriere-Besonderheiten)
  • Alkohol-, Nikotin-, Drogenabusus
  • psychiatrische Erkrankungen

Eigenanamnese:

  • Vorgeschichte zu Schwangerschaft, Geburt, Entwicklung
  • Vorerkrankungen, Vorbehandlungen
  • derzeitige sonstige Beschwerden, auch Schlaf- und Essprobleme
  • Gespräch mit dem Betroffenen zum Selbsterleben

Fremdbeurteilung:

  • durch Exploration der Eltern, Erzieher,
    Lehrer, anderer Betreuer zu Sozial-, Lern-, Leistungsverhalten
  • Persönlichkeitsstruktur
  • Gruppenverhalten
  • Einsicht in Zeugnisse, Vorbefunde (2)

Diagnostik

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Zur diagnostischen Abklärung des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms sind relevant:

klinische Untersuchung:

  • Ganzkörperuntersuchung
  • neurologische Untersuchung
  • Beurteilung des psychischen und geistigen Entwicklungsstandes
  • Beurteilung des Hör- und Sehvermögens

Labor

Verhaltensbeobachtung

Fragebögen:

  • SDQ (Strength- and Difficulties-Questionnaire)
  • FBB-HKS (Fremdbeurteilungsbogen Hyperkinetische Störung)
  • VBV (Verhaltensbeurteilungsbogen für Vorschulkinder)

psychologische Untersuchung:

  • Entwicklungs-, Intelligenztests, Aufmerksamkeitstests

apparative Diagnostik (nach Indikation):

  • EEG, bildgebende Verfahren

Klinik

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom zeigt folgende Kernsymptome:

  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Hyperaktivität
  • Impulsivität

Begleitstörungen in jeweils altersvariabler Ausprägung:

Säuglingsalter:

  • lang dauernde Schreiphasen,
  • motorischer Unruhe,
  • Ess- und Schlafproblemen,
  • Ablehnung von Körperkontakt,
  • Misslaunigkeit

Kleinkindalter:

  • Plan- und rastlose Aktivität,
  • schnelle, häufige und unvorhersagbare Handlungswechsel,
  • geringe Ausdauer bei Einzel- und Gruppenspiel,
  • mangelnde Regelakzeptanz,
  • unberechenbares Sozialverhalten;
  • Teilleistungsschwächen bezüglich auditiver und visueller Wahrnehmung, Fein- und Grobmotorik;
  • keine beständigen Freundschaften,
  • Kind und Eltern isoliert

Grundschulalter:

  • Mangelnde Regelakzeptanz in Familie, in Spielgruppe und Klassengemeinschaft,
  • Stören im Unterricht,Probleme bei den Hausaufgaben,
  • wenig Ausdauer,starke Ablenkbarkeit,
  • emotionale Instabilität, geringe Frustrationstoleranz, Wutanfälle, aggressives Verhalten,
  • schlechte Schrift, chaotisches Ordnungsverhalten;
  • andauerndes Reden, Geräuscheproduktion, überhastetes Sprechen (Poltern);
  • unpassende Mimik, Gestik und Körpersprache;
  • Lese-Rechtschreib-Schwäche, Rechenschwäche,
  • Lern-Leistungsprobleme mit Klassenwiederholungen, Umschulungen;
  • keine dauerhaften sozialen Bindungen;
  • niedriges Selbstbewusstsein

Adoleszenz:

  • Unaufmerksamkeit, "Null-Bock-Mentalität", Leistungsverweigerung,
  • aggressives Verhalten,
  • stark vermindertes Selbstwertgefühl, Ängste, Depressionen;
  • Präferenz für soziale Randgruppen, erhöhte Risikobereitschaft, Neigung zu Delinquenz, Alkohol, Drogen;
  • vermehrt Frühschwangerschaften

Erwachsenenalter:

  • innere Unruhe, Vergesslichkeit;
  • Mühe, Aufgaben zu planen und zu Ende zu bringen;
  • Neigung wichtiges bis zum letzten Moment aufzuschieben;
  • Ängste, Depression, Jähzorn;
  • Neigungzu Delinquenz, Alkohol, Drogen;
  • erhöhte Risikobereitschaft, häufiger Unfälle;
  • Essstörungen [2]

Therapie

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Die therapeutischen Möglichkeiten bei dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom:

  • eine kausale Therapie existiert nicht

psychoedukative Maßnahmen:

  • Gespräch mit den Eltern, Lehrern über das Krankheitsbild

Verhaltenstherapie:

  • Anwendung positiver Verstärkung und negativer
    Konsequenzen
  • Selbstinstruktionstraining und Selbstmanagement-
    Interventionen

Behandlung von Entwicklungsstörungen und anderen assoziierten Störungen

Selbsthilfegruppen

medikamentöse Therapie:

  • primäre Pharmakotherapie ist meist dann indiziert, wenn eine stark ausgeprägte, situationsübergreifende hyperkinetische Symptomatik mit einer erheblichen Beeinträchtigung des Patienten oder seines Umfeldes vorliegt [1]
  • Methylphenidat: anfangs 5 mg oral , wöchentliche Steigerung um 5-10 mg, Maximaldosis: 60 mg/Tag in 2-3 Einzeldosen; retard: Maximaldosis: 54 mg/Tag
  • Atomoxetin: Kinder und Jugendliche bis zu 70 kg KG: Initialtagesdosis 0,5 mg/kg; empfohlene Tagesdosis während der Dauerbehandlung: 1,2 mg/kg; maximale Wirksamkeit nach etwa 6 Wochen [1]

Komplikationen

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Bis zu 80% der Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom weisen komorbide psychische Störungen auf:

  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Entwicklungsstörungen
  • Emotionale Störungen 

Nebenwirkungen der Pharmakotherapie:

  • Appetitmangel
  • Schlafstörungen 
  • Dysphorie, Weinerlichkeit
  • Kopfschmerzen
  • Bauchschmerzen
  • Schwindel
  • Reboundhyperaktivität bei Nachlassen der Wirkung

Zusatzhinweise

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?

Zum Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom liegen folgende Zusatzhinweise vor:

  • Rückbildung der Symptome in der Jugend bei ungefähr 30 %

Literaturquellen

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Bearbeitungsstatus ?
  1. (2006) AWMF - Leitlinie - Hyperkinetische Störungen
  2. (2007) Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte - ADHS bei Kindern und Jugendlichen
  3. (2009) Möller HJ, Laux G, Deister A - Duale Reihe Psychiatrie und Psychotherapie - Thieme Verlag
  4. (2008) Ruß A - Arzneimittel pocket - Börm Bruckmeier Verlag
  5. (2009) Tölle R, Windgassen K - Psychiatrie - Springer Medizin Verlag
  6. (2003) Kasper S, Volz HP - Psychiatrie compact - Thieme Verlag
  7. (2009) Klußmann R, Nickel M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer Verlag, Wien
  8. (2009) Mentzos S - Lehrbuch der Psychodynamik - Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/BRO
  9. (2009) Janssen P, Joraschky P, Tress W - Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherap - Deutscher Ärzte Verlag
  10. (2008) Rentrop M, Müller R, Bäuml J - Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  11. (2007) Rudolf - Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik - Thieme
  12. (2007) Arolt V, Reimer C, Dilling H - Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie - Springer
  13. (2006) Fritzsche K, Wirsching M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von med2click kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen