Anpassungsstörungen mit Angst

Synonyme: Belastungsstörung (Angst)

Definition

Anpassungsstörungen mit Angst

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  • Anpassungsstörungen mit Angst sind Zustände von erheblichem subjektivem Leidensdruck nach einem identifizierbaren einschneidenden Lebensereignis mit überwiegender Angstsymptomatik und sekundärer Beeinträchtigung der sozialen und/oder beruflichen Leistungsfähigkeit.

Ätiologie

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Entscheidende Ursache für die Entstehung einer Anpassungsstörung mit Angst ist [1,2]:

  • Eine zeitlich eng (1-3 Monate vor Symptombeginn) mit der Symptomatik in Verbindung stehende psychosoziale Belastung von nicht katastrophalen Ausmaß
  • Beispiele: ein Unfall, Verlust einer nahe stehenden Person, schwere Erkrankung, Migration sowie Ein- oder Umschulung, aber auch positive Lebensereignisse wie Schulabschluss oder Heirat

Risikofaktoren [2]:

  • Körperliche Faktoren: Tendenz zu überschießenden vegetativen Reaktionen bei Stressbelastung, erhöhter Sympatikustonus, körperliche Störungen vor allem im Alter
  • Psychische Faktoren: Emotionale Instabilität, geringes Selbstvertrauen, bestehende psychiatrische Leiden, auffällige Persönlichkeitszüge
  • Soziale Faktoren: Niedriger sozialökonomischer Status, geschwächtes soziales Netzwerk
  • Biografische Faktoren: Bestehende Belastungen, frühere Traumatisierungen ( z. B. sexueller Missbrauch), psychische Störungen in der Vorgeschichte

Epidemiologie

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Bedingt durch die diagnostische Unschärfe und geringe Spezifität der Symptomatik sowie einer hohen Komorbidität, stehen nur wenige valide epidemiologische Daten zur Verfügung [2].

Aus der verfügbaren Literatur lässt sich folgendes über Anpassungsstörungen zusammenfassen:

  • Punktprävalenz in der Allgemeinbevölkerung liegt bei etwa 0,3 bis 0,6 % [3]
  • Dritt-häufigste Diagnose(ICD-10) in der ambulanten und stationären psychiatrischen Versorgung (Dänemark) [4]
  • Häufige psychische Störung in der hausärztlichen Versorgung [5]
  • Können in jeder Kultur und Altersgruppe auftreten [6]
  • Häufung besonders bei jungen [2] und älteren Menschen [6] sowie in Zusammenhang mit einer chronischen körperlichen Erkrankung [2]
  • Es liegen keine eindeutigen geschlechtsspezifischen Daten vor [2]

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei den Anpassungsstörungen mit Angst sind folgende Informationen von Bedeutung [1,2]:

Aktuelle Symptome:

  • Psychische: Angst? Andauernde Besorgnis? Depressive Verstimmung? Aggression? Anspannung? Gefühl von Hilflosigkeit? Selbstmordgedanken?
  • Soziale: Soziale oder berufliche Leistungsbeeinträchtigung? Destruktives Verhalten? Häufung sozialer Konflikte?
  • Körperliche: Herzklopfen? Schwitzen? Schwindel? Zittern? Magen-Darm Beschwerden?
  • Bisheriger Verlauf: Beginn der Symptome? Art der Problembewältigungsversuche?

Auslösendes Ereignis:

  • Wann?
  • Was ist geschehen? Was hat sich verändert?
  • Subjektive Bedeutung des Geschehens?
  • Einmaliges oder wiederkehrendes Ereignis? Chronische Belastung?

Vorgeschichte:

  • Psychiatrische Vorerkrankungen?
  • Körperliche Erkrankungen?

Soziales:

  • Soziales Netzwerk?
  • Form der Unterstützung?

Besonderheiten:

  • Juristische Kontexte (Strafverfolgung, zivilrechtliche Ansprüche, Opferentschädigung)?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der Anpassungsstörungen mit Angst sind relevant [1,2]:

  • Eigen- und Fremdanamnese
  • Einschätzung der Störungswertigkeit
  • Zeitlicher Zusammenhang der Störung mit auslösendem Ereignis: Entsprechend der ICD-10 Kriterien < 1 Monat, entsprechend der DSM-IV Kriterien < 3 Monaten.
  • Die Dauer: In der Regel bis zu 6 Monaten nach Beendigung des belastenden Ereignisses
  • Bei Symptomen über 6 Monaten Diagnose einer chronischen Anpassungsstörung nach DSM-IV Kriterien möglich
  • Ausschluss einer organischen Ursache
  • Ausschluss anderer spezifischer psychischer Störungen, z. B. eine Generalisierte Angststörung
  • Einschätzung des Suizidrisikos
  • Verwendung von relevanten strukturierten und standardisierten klinischen Interviews

Klinik

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Bei Anpassungsstörungen mit Angst können folgende Symptome auftreten [1,2]:

  • Veränderung der Stimmung
  • Affektstörungen, überwiegend Angst
  • Körperliche Angstsymptomatik
  • Verhaltensänderung
  • Beeinträchtigung der sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit
  • Gefühl der Überforderung
  • Störung des Sozialverhaltens
  • Wechselnde Symptomatik möglich
  • Störung wäre ohne Belastendes Ereignis nicht aufgetreten

Prognose und Krankheitsverlauf bei Anpassungsstörungen generell [2]:

  • Überwiegend positive Prognose und günstiger Verlauf
  • Dauer beträgt in der Regel bis zu 6 Monate nach Beendigung der Belastung
  • Chronischer Verlauf (>6 Monate) bei etwa 20 % der Betroffenen
  • Verlauf abhängig von Art, Schwere, und Dauer der Belastung und Ressourcen der Person

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei Anpassungsstörungen mit Angst sind individuell und ressourcenorientiert anzupassen und umfassen Folgendes:

  • Beratung und Information
  • Ambulante Psychotherapie z. B. mit kognitiv-verhaltenstherapeutischem Behandlungsansatz [2]
  • Fokus auf die individuelle Symptomatik [1]
  • Unterstützung der Coping-Fähigkeiten sowie Stärkung des sozialen Umfeldes [1]
  • Traumabewältigung tritt in den Hintergrund [1]
  • Nur in seltenen Fällen ist eine stationäre Therapie notwendig
  • Entspannungsverfahren [2]
  • In der Regel ist eine Pharmakotherapie obsolet [1]

Komplikationen

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Bei Anpassungsstörungen mit Angst kommen folgende Komplikationen vor [2]:

  • Chronischer Verlauf
  • Entwicklung einer depressiven Störung, Angststörung oder Abhängigkeitserkrankung
  • Bis zu 12-fach erhöhte Suizidrate [7]

Zusatzhinweise

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Zu Anpassungsstörungen mit Angst liegen folgende Zusatzhinweise vor:

  • Diagnose sollte nur bei Symptomen vergeben werden, die für eine spezifische Angststörung nicht ausreichend sind [2]
  • Diagnose ist zusätzlich zu einer Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie möglich[2]
  • DSM-IV Diagnosecode 309.24
  • Annähernd vergleichbare ICD-10 Klassifikation: Anpassungsstörung - Angst und depressive Reaktion gemischt (F43.22)

Literaturquellen

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  1. (2006) AWMF - Leitlinie - Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)
  2. (2010) Bengel J, Hubert S - Anpassungsstörung und Akute Belastungsreaktion - Hogrefe Verlag
  3. (2001) Ayuso-Mateos JL, Vázquez-Barquero JL, Dowrick c, et al - Depressive disorders in Europe: prevalence figures from the ODIN study - Br J Psych. 179: 308-16.
  4. (2010) Munk-Jørgensen P, Najarraq Lund M, Bertelsen A - Use of ICD-10 diagnoses in Danish psychiatric hospital-based services in 2001-2007 - World Psychiatry. 9: 183-4.
  5. (2009) Casey P - Adjustment disorder: epidemiology, diagnosis and treatment - CNS Drugs. 23: 927-38.
  6. (2008) Maercker A, Forstmeier S, Enzler A, et al. Adjustment disorder, post-traumatic stress disorder, and depressive disorders in old age: findings from a community survey. Compr Psychiatry. 49: 113-20.
  7. (2010) Gradus JL, Qin P, Lincoln AK, et al - The association between adjustment disorder diagnosed at psychiatric treatment facilities and completed suicide - Clin Epidemiol. 2: 23-8.

Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

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