Akute Belastungsreaktion

Synonyme: F43.0, ABR, Krisenzustand, Schockzustand, Nervenzusammenbruch, Akute Krisenreaktion, Kriegsneurose, Acute Stress Reaction, ASR, Akute Belastungsstörung, Acute Stress Disorder, ADS

Definition

Akute Belastungsreaktion

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  • Die akute Belastungsreaktion ist eine vorübergehende, unmittelbar zeitlich mit einer ungewöhnlichen Belastung in Zusammenhang stehende Reaktion von wenigen Stunden bis Tagen

Ätiologie

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Mögliche Ursachen einer akuten Belastungsreaktion sind [1]:

  • Erleben eines traumatisches Ereignisses als betroffene Person, Augenzeuge, AngehörigeR oder helfende Person
  • Beispiele eines potenziell traumatischen Ereignisses: Vergewaltigung, Folter, Naturkatastrophen, Krieg, lebensbedrohliche Erkrankung, Unfälle, körperliche Gewalt u. Ä.

Weitere Faktoren die von Bedeutung sind:

  • Ausmaß der körperlichen Verletzung
  • Subjektive Empfindung einer Lebensbedrohung
  • Gefühl von Hilflosigkeit oder Kontrollverlust

Epidemiologie

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Zur Epidemiologie der akuten Belastungsreaktion liegen folgende Daten vor:

  • häufig
  • in jedem Alter möglich

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der akuten Belastungsreaktion sind folgende Informationen von Bedeutung [1-3]:

Ätiologie und aktuelle Symptomatik:

  • Traumatisches Ereignis wiederfahren?
  • Als betroffene oder helfende Person sowie als Augenzeuge oder AngehörigeR
  • Reaktionen unmittelbar nach dem Ereignis?
  • Dauer und bisheriger Verlauf der Reaktion?
  • Gibt es Erinnerungslücken?
  • Anfänglicher "Betäubungszustand"?
  • Gefühl von Hilflosigkeit oder vermehrte Schreckhaftigkeit nach dem Trauma?
  • Schnelle Gefühlsänderungen: Depression, Angst, Verzweiflung, Ärger?
  • Sozialer Rückzug?
  • Werden Situationen vermieden, die an das Trauma erinnern?
  • Wird das Trauma nochmals durchlebt, z.B. in Gedanken oder Bildern?
  • Schlaf- oder Konzentrationsstörungen?
  • Übertriebene Reizbarkeit, Wutausbrüche oder Wachsamkeit?
  • Körperliche Symptome: Herzrasen, Schwitzen oder Erröten?

Ausschluss anderer, möglicher Ursachen:

  • Einnahme von Drogen oder Medikamenten?
  • Organische Erkrankung?
  • Verschlechterung einer bestehenden psychischen Störung?

Weitere wichtige anamnestische Informationen:

  • Soziales Netzwerk: Rückhalt und Unterstützung vorhanden?
  • Ist eine räumliche Trennung vom Traumageschehen oder von TäterIn gegeben?
  • Abklären von Ressourcen und Risikofaktoren
  • Juristische Faktoren z. B Strafanzeige gestellt, Anspruch auf Leistungen nach Opferentschädigungsgesetz (OEG)?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der akuten Belastungsreaktion (ABR) gilt Folgendes [1-3]:

1. Bei Verwendung der ICD-10 Klassifikation:

  • Diagnose: Akute Belastungsreaktion (43.0)
  • Beginn der Symptomatik (siehe Klinik) unmittelbar nach tramatischem Ereignis, meist schon nach wenigen Minuten
  • Abklingen der Symptome bereits nach wenigen Stunden
  • Dauer der Reaktion in der Regel < 2-3 Tage
  • Ausschluss einer Verschlechterung von einer bereits bestehenden anderen psychischen Störung, ausgenommen sind Persönlichkeitsstörungen (F60)

2. Bei Verwendung der DSM-IV Klassifikation:

  • Diagnose: Akute Belastungsstörung (308.3)
  • Symptome wie bei ABR
  • Besonderer Fokus auf dissoziative Symptome
  • Dauer mindestens2 Tage bis 4 Wochen

3. Einbeziehung von strukturierten diagnostischen Interviews z. B. SKID (basierend auf DSM-IV), Hamilton Angst- und Depressionsskala und Screenings Fragebögen wie Primary Care Posttraumatic Stress Disorder Screen (PC-PTSD)

4. Somatische Abklärung bei körperlicher Schädigung, besondere Behutsamkeit gilt bei sexueller Gewalt (Einbeziehen von Fachpersonal)

5. Wichtig: Ausschluss von Selbst- und Fremdgefährdung


Klinik

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Die akute Belastungsreaktion kann u.a. folgende Symptome zeigen [1,3]:

  • Anfängliche dissoziative Symptome wie emotionale Taubheit, Einengung oder Veränderung des Bewusstseins
  • Später schnell wechselnde affektive Symptomatik
  • Inadäquater Affekt
  • Intensive Stimmungsschwankungen
  • Sozialer Rückzug und Gefühlsabflachung
  • Vermeidungsverhalten (Avoidance)
  • Intrusionen: Wiedererleben des Traumas in Gedanken, Bildern und Albträumen sowie als Flashback.
  • Überregungszustände (Hyperarousal): Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Leistungsabfall, Wutausbrüche
  • Partielle Amnesien


Bei der Akuten Belastungsstörung nach DSM-IV besonders:

  • Dissoziative Symptome: Depersonalisation, Derealisation und dissoziative Amnesie


Bei der Verlaufsbeobachtung und zur Differentialdiagnostik können folgende Zeitfenster als grober Leitfaden dienen [1]:

bis 48 Std. - Akute Belastungsreaktion (ICD-10)

2 Tage - 4 Wochen - Akute Belastungsstörung (DSM-IV)

1 - 3 Monate - Akute PTBS

über 3 Monate - Chronische PTBS

Bei der PTBS kann es zu einer Latenszeit von bis 6 Monaten kommen.


Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei der akuten Belastungsreaktion umfassen Folgendes:

Psychosoziale Maßnahmen:

  • Zusammenhängenden Versorgungskette gewährleisten, die der sekundären Prävention dienen und Spätfolgen mindern soll, [1]. Für die ärztliche Tätigkeit ist besonders Stufe 3 relevant.

Stufe 1-2: Psychische Erste Hilfe und psychosoziale Akuthilfen einschließlich Indikationsstellung zur Weiterversorgung [1]:

  • Von Einsatzkräften vor Ort (Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr etc.)
  • Sowie durch regional verfügbare Anbieter psychosozialer Akuthilfen
  • Wichtig sind Wiederherstellen der äußeren und inneren Sicherheit 
  • Emotionale und soziale Unterstützung
  • Ressourcenmobilisierung
  • Basale bedarfsbefriedigung
  • Behandlungsindikation stellen

Stufe 3: Psychotherapeutische Frühintervention und längerfristige Versorgung [1]:

  • Durch Hausärzte, Fachärzte sowie Psychologen
  • Bei Bedarf Miteinbeziehen von Bezugspersonen
  • Psychoedukation, u. a. Symptome normaler Krisenreaktionen erklären
  • Unterstützende Beratung, u. a. mit Fokus auf Ressourcen, Copingverhalten und sozialem Netzwerk
  • Psychotherapeutische Behandlung
  • Psychopharmakologische Intervention und Therapie (siehe unten)
  • Einsatz von speziellen psychotraumatologischen Therapieformen durch Fachpersonal (siehe unten)

Psychotherapeutische Therapiemöglichkeiten:

  • Bedarfsabhängig und individuell
  • In der Regel ambulante Einzeltherapie
  • In besonderen Fällen z. B. bei Suizidgefahr ist eine stationäre Behandlung sinnvoll
  • Traumafokussierende Kognitive Verhaltenstherapie (Tf-KVT) wird von TENTS (EU Projekt) und AWMF Leitlinien empfohlen und durch ein Cochrane Review bestärkt [1,7,8], hierunter Traumakonfrontation und kognitive Umstrukturierung
  • Hypnose kann den Effekt verstärken [9]
  • EMDR (Eye Movement Desensitisation and Reprocessing) [1,7], psychodynamische Methoden (z.B. PITT, MPTT) [1], hypnotherapeutisch-imaginative Techniken [1] und Stressmanagement [7] sind Therapien 2. Wahl

Pharmakotherapie:

  • Benzodiazepine sollten vermieden werden [1]
  • Besonders bei schwerer Symptomatik, wo psychotherapie allein keine Erfolge erzielt, und als akut Intervention bei hohem Leidensdruck
  • SSRI
  • trizyklische Antidepressiva
  • MAO-Hemmer

Komplikationen

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Bei der akuten Belastungsreaktion können folgende Komplikationen auftreten:

  • Suizidalität, mit einem bis zu 10-fach erhöhtem Risiko (Dänemark) [4]
  • Akute bis chronische Posttraumatische Belastungsstörung [5,6]
  • Chronifizierung der Traumafolgereaktion [2]

Zusatzhinweise

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Zur akuten Belastungsreaktionliegen derzeit folgende Zusatzhinweise vor:

  • Besondere Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen: Auffälliges Spielverhalten mit Reinzinierung des traumatischen Erlebnisses, Entwicklungsstörungen bis regressiven Phänomenen und/oder  Verhaltensauffälligkeiten mit z. T. aggressiven Verhaltensmustern [1,2]

Literaturquellen

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  1. (2008) AWMF - Leitlinie - Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung
  2. (2006) AWMF - Leitlinie - Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)
  3. (2010) Bengel J, Hubert S - Anpassungsstörung und Akute Belastungsreaktion - Hogrefe Verlag
  4. (2010) Gradus JL, Qin P, Lincoln AK, et al -  Acute stress reaction and completed suicide - Int J Epidemiol. 39: 1478-84.
  5. (2006) Soldatos CR, Paparrigopoulos TJ, Pappa DA, et al - Early post-traumatic stress disorder in relation to acute stress reaction: An ICD-10 study among help seekers following an earthquake - Psychiatry Res. 143: 245-53.
  6. (2003) Bryant RA - Early predictors of posttraumatic stress disorder - Biol Psychiatry. 53: 789-95.
  7. (2010) Bisson JI, Tavakoly B, Witteveen AB, et al - TENTS guidelines: development of post-disaster psychosocial care guidelines through a Delphi process - Br J Psychiatry. 196: 69-74
  8. (2010) Roberts NP, Kitchiner NJ, Kenardy J et al - Early psychological interventions to treat acute traumatic stress symptoms (Review) Cochrane Database Syst Rev. Issue 3. Art. No.: CD007944.
  9. (2005) Bryant RA, Moulds ML, Guthrie RM, et al - The additive benefit of hypnosis and cognitive-behavioral therapy in treating acute stress disorder. J Consult Clin Psychol. 73: 334–40.

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