AIDS-Demenz

Synonyme: HIV-1-assoziierte Demenz, HAD

Definition

AIDS-Demenz

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  • Die Erreger der AIDS-Demenz sind die AIDS-Erreger: HIV 1 oder 2 (Retrovirus).
  • Es kommt zu einer fortschreitenden Demenz mit motorischen, kognitiven und emotionalen Defiziten.

Ätiologie

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Die Ursachen der AIDS-Demenz sind:

  • Übertragung verläuft relativ häufig genital - genital, öfter genital - anal (Mikroverletzungen der Analschleimhaut)
  • prä- oder perinatale Infektion des Kindes
  • infizierte Blutprodukte
  • bei transurethralen Eingriffen = Gefahr bei Umgang mit Urin HIV-Infizierter
  • Wahrscheinlichkeit sich bei Nadelstichverletzungen oder Schleimhautkontakt mit HIV-haltigem Marierial zu infizieren, wird als gering beschrieben
  • Infektion mit dem HI-Virus (Retrovirus) → Einbau des Virusgenoms in die menschliche DNA
  • Zielzellen sind CD4-positive T-Lymphozyten und Zellen des Monozyten-Makrophagen-Systems

→ infolge progredienter, humoraler und zellulärer Immundefekt mit Abfall der CD4-positiven Zellen, u.g. klinischen Symptome, opportunistischen Infektionen und Malignomen

  • Inkubationszeit 2-6 Wochen

2 Virusformen:

  • HIV-1 (v.a. Nordamerika und Europa);
  • HIV-2 (v.a. Westafrika und Indien, mit milderem Verlauf und seltener vertikaler Infektion);
  • ausgeprägter genetischer Polymorphismus
  • Vermutlich spielt die Blockade neuronaler Stammzellen durch das HI-Virus eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der Erkrankung [12]

Epidemiologie

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Zur Epidemiologie der AIDS-Demenz liegen folgende Daten vor:

  • Stand 2004: 40 Millionen infizierte Menschen in der ganzen Welt
  • Circa 25% aller AIDS-Patienten entwickeln eine Demenz
  • im Jahre 2004: 700 000 neu infizierte Kinder
  • heutzutage: Frauen fast so häufig neu infiziert wie Männer
  • Durch die konsequente antiretrovirale Therapie sind schwere Fälle der Aids-Demenz seit Jahren rückläufig. Die Vorstufen der Erkrankung nehmen jedoch zu. [13]

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der AIDS-Demenz sind folgende Informationen von Bedeutung:

  • HIV bekannt?
  • Sehstörungen?
  • Lähmungen
  • Krämpfe?
  • Ist der Betroffene müde?
  • Ist der Patient apathisch?
  • Bestehen Störungen des Gedächtnisses?
  • Kopfschmerzen?
  • Verlangsamtes Handeln?
  • Störungen der Feinmotorik?

Diagnostik

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Zur diagnostischen Abklärung der AIDS-Demenz sind relevant:

  • Erhebung eines neurologischen Status: motorische Störungen, Konzentrationsstörungen)
  • Neuropsychologische Tests (z.B. Aids-Demenz-Skala, Trail-Making-Test Form A+B, Digit Symbol Test)
  • Testung der Feinmotorik

In Einzelfällen evtl. sinnvoll:

  • Liquorpunktion (Bestimmung der Viruslast, sowie zur differenzialdiagnostischen Abklärung)
  • EEG (gelegentlich tritt eine Verlangsamung des Grundrhythmus auf
  • Kraniale Kernspintomographie

HIV - Therapieüberwachung - CD4 - Zellzahl im Blut


Klinik

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Die AIDS-Demenz ist in 3 Stadien unterteilbar:

1) Asymptomatische neurokognitive Einschränkung (ANCE)

  • Leichte Einschränkungen z.B. bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie der Lernfunktionen und der Informationsverarbeitung
  • Alltagsleben nicht bzw. kaum beeinträchtigt

2) Mildes neurokognitives Defizit (MNCD):

  • Mindestens 2 der etablierten neurologischen Tests müssen deutlich von der Norm abweichen
  • Symptome wie bei ANCE, allerdings stärker ausgerpägt und mit Einschränkung des Alltagslebens

3) HIV-assoziierte Demenz (HAD):

  • Erhebliche kognitive Beeinträchtigungen in den genannten Bereichen
  • Alltagsleben ohne Hilfe nicht mehr zu bewältigen

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei der AIDS-Demenz umfassen Folgendes:

  • Ausbruch der Krankheit kann durch antiretrovirale Kombinationstherapie verhindert oder stark verlangsamt werden (Therapieschema, s.u.)
  • ART indiziert unabhängig von der T-Helferzellenzahl
  • Liquorgängige Substanzen wie Azidothymidin (mittlere Dosierung: ca 500mg/d) und Stavudin (2x 30 bis 2x40mg/d) sollten bevorzugt eingesetzt werden
  • Psychotherapie, wenn notwendig

bei Depression: SSRI

  • Citalopram – anfangs 20 mg/d, dann 20-40 mg/d p.o.
  • Escitalopram - anfangs 10 mg/d, dann 10-20 mg/d p.o.
  • Fluoxetin – anfangs 20 mg/d, dann 20-40 mg/d p.o.
  • Fluvoxamin – anfangs 50 mg/d, dann 100-250 mg/d p.o.
  • Paroxetin – anfangs 20 mg/d, dann 20-40 mg/d p.o.
  • Sertalin – anfangs 50 mg/d, dann 50-100 mg/d p.o.

Therapieschama der HAART = Hochaktiveantiretrovirale Therapie:

  • Antiretrovirale Therapie (ART) mit mindestens 3 Komponenten, ab einer T-Helferzellzahl unter 350/μl oder einer sehr dynamischen Entwicklung der Viruslast: 

HAART - 2 x NRTI + NNRTI oder 2 x NRTI + PI

NRTI (KI 1. Trimenon SS, Stillen; relative Nieren-, Leber- und Pankreaserkrankungen, Alkoholmissbrauch, Neuropathien)

  • Zidovudin – 500-600 mg/d
  • Tenofovir – 245 mg/d
  • Lamivudin – 300 mg/d
  • Emtricitabin – 200 mg/d

alternativ:

  • Abacavir – 600 mg/d

NNRTI

  • Nevirapin – 200-400 mg/d

PI

  • Lopinavir – 800 mg/d + Ritonavir - max. 100 mg/d
  • Darunavir – 1200 mg/d + Ritonavir - max. 100 mg/d
  • Tipranavir – 500 mg/d + Ritonavir - max. 100 mg/d

alternativ:

  • Indinavir – 1600 mg/d
  • Nelfinavir – 2500 mg/d
  • Saquinavir – 2000 mg/d + Ritonavir max. 100 mg/d
  • Amprenavir – 120 mg/d + Ritonavir max. 100 mg/d
  • Atazanavir – 300 mg/d + Ritonavir max. 100 mg/d

Reserve-Therapeutika: 

  • Tipranavir – 500 mg/d p.o.
  • Darunavir – 800-1200 mg/d p.o. + Ritonavir max. 100 mg/d p.o.

Zu vermeidende Kombinationen (höhere Toxizität oder fehlende Evidenz):

Lamivudin + Emtricitabin
Stavudin + Zidovudin, Didanosin oder Zalcitabin
Tenofovir + Didanosin oder Abacavir


Komplikationen

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Bei der AIDS-Demenz kommen folgende Komplikationen vor:

  • ohne Therapie: Überlebenszeit 6 Monate bis 5 Jahre nach Beginn der Erkrankung
  • Beim Vollbild der Aids-Demenz: Pflegebedürfigkeit

Zusatzhinweise

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Zur AIDS-Demenz liegen folgende Zusatzhinweise vor:

  • viele der Betroffenen: seit langem drogenabhängig
  • durch die effiziente HIV-Therapie und das somit stetig ansteigende Lebensalter der Betroffenen wird in der Zukunft wieder mit einer Zunahme der schweren Aids-Demenzen gerechnet

Literaturquellen

AIDS-Demenz

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  1. (2009) Möller HJ, Laux G, Deister A - Duale Reihe Psychiatrie und Psychotherapie - Thieme Verlag, Stuttgart (Seite 226-227)
  2. (2009) Tölle R, Windgassen K - Psychiatrie - Springer Medizin Verlag, Heidelberg (Seite 288)
  3. (2003) Kasper S, Volz HP - Psychiatrie compact - Georg Thieme Verlag, Stuttgart (Seite 46 f)
  4. (2009) Klußmann R, Nickel M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer Verlag, Wien
  5. (2009) Mentzos S - Lehrbuch der Psychodynamik - Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/BRO
  6. (2009) Janssen P, Joraschky P, Tress W - Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherap - Deutscher Ärzte Verlag
  7. (2008) Rentrop M, Müller R, Bäuml J - Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  8. (2007) Rudolf - Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik - Thieme
  9. (2007) Arolt V, Reimer C, Dilling H - Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie - Springer
  10. (2006) Fritzsche K, Wirsching M - Psychosomatische Medizin und Psychotherapie - Springer
  11. (2007) Okamoto, Shu-ichi et al.: HIV/gp120 Decreases Adult Neural Progenitor Cell Proliferation via Checkpoint Kinase-Mediated Cell-Cycle Withdrawal and G1 Arrest. Cell Stem Cell
  12. (2008) Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie: http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/030-044.htm>

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