Adipositas Grad II

Synonyme: Obesitas Grad II, Fettleibigkeit Grad II, Fettsucht Grad II

Definition

Adipositas Grad II

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Die Adipositas ist durch einen Anteil der Fettmasse am Körpergewicht von über 20% bei Männern und über 30% bei Frauen gekennzeichnet. Beim Grad II beträgt der BMI 35 - 39,9 kg/m².


Ätiologie

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Zu den Ursachen der Adipositas zählen:

  • Energiezufuhr höher als Energieverbrauch           (Grundumsatz, Thermogenese und Aktivität)

Zwei Unterformen der Adipositas:

Primäre Adipositas - multifaktoriell bedingt [11; 16]:

  • fehlerhafte Ernährung
  • körperliche Inaktivität
  • genetische Komponente
  • metabolische Störungen
  • Störungen im psychosozialen Umfeld

Weitere Risikofaktoren für die primäre Adipositas [4]:

  • familiäre Belastung mit Adipositas
  • einkommensschwache Familien
  • niedriges Bildungsniveau
  • Immigranten

Sekundäre Adipositas - Folge anderer Erkrankungen [11]:

  • genetisch (z.B. Prader-Willi-Labhardt-Syndrom, Bardet-Biedl-Syndrom, Cohen-Syndrom, Fröhlich-Syndrom, Mixoploidie, Leptinmangel)
  • endokrinologisch (z.B. Morbus Cushing, Wachstumshormonmangel, Hypothyreose)
  • ZNS-Erkrankungen (z.B. Kraniopharyngeom)
  • medikamentös (z.B. Steroide, Thyreostatika, Valproat, Insulin, Phenothiazine)
  • Andere Tumorerkrankungen: Insulinome
  • Chronische Erkrankungen, die immobilisieren
  • Psychiatrische Erkrankungen

Epidemiologie

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Zur Epidemiologie der Adipositas:

  • die Prävalenz hat in den letzten 20 Jahren stark zugenommen [11; 12]
  • die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter
  • etwa jeder 5. Erwachsene und etwa jedes 5. Kind in der westlichen Welt leiden heute an Adipositas [11]
  • jeder 100. Erwachsene in der westlichen Welt leidet unter extremer Adipositas (Grad III)
  • auch die Anzahl schwerer Formen von Adipositas hat in letzter Zeit stark zugenommen [4]
  • in den USA nahm die Prävalenz adipöser Schulkinder zwischen 1976 und 2008 von 6,5% auf 19,6% zu [15]
  • in den USA verdoppelte sich die Prävalenz adipöser Kinder im Vorschulalter im gleichen Zeitraum (von 5% auf 10,4%) [15]
  • in den USA betrug die Prävalenz von Übergewicht unter Kleinkindern und Säuglingen bei 9,5% zwischen 2007 und 2008 [15]

Differentialdiagnosen

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Anamnese

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Bei der Anamnese zur Adipositas sind folgende Fragen wichtig:

  • Welche Beschwerden bestehen? Seit wann?
  • Ernährungsgewohnheiten: was wird gegessen/getrunken?, wie oft? gemeinsames Essen in der Familie? Umgebungsfaktoren (TV, etc.)?
  • wird Sport getrieben? seit wann? welcher? wie oft? allein oder mit anderen?
  • Freizeitbeschäftigungen? Hobbies?
  • Grunderkrankungen bekannt? Genetische Syndrome, Stoffwechselerkrankungen? Tumorerkrankungen?
  • Andere Vorerkrankungen: Bluthochdruck? Fettstoffwechselstörung? Zuckerkrank?
  • Hat sich das Sehen verschlechtert? Lähmungen?
  • Werden Medikamente eingenommen? Insulin? Kortison-Derivate? Antiepileptika?
  • Nikotinabusus?
  • Leiden andere Familienmitglieder an Adipositas? Eltern, Geschwister?
  • Soziale Kontakte? Freunde? Probleme in der Familie?

Diagnostik

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Zur Diagnostik bei der Adipositas:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung:
  • Inspektion: ausladendes Abdomen? Acanthosis nigricans (z.B. im Nacken?) [4], Allgemeinzustand, syndromale Erkrankung? Fehlhaltungen?
  • Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
  • Gefäßstatus erheben, Pulse tasten und auskultieren
  • neurologischen Status erheben (Gesichtsfeld, Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination, Hirnnerven)
  • Gelenke untersuchen (Einschränkung der Beweglichkeit?), Mobilität prüfen
  • Bestimmung des Gewichts und der Körperlänge, Berechnung des BMI wie folgendermaßen erläutert:
  • Körpergewicht (kg) / [Körpergröße (m)] ² Adipositas Grad II: BMI 35 - 39,9 kg/m² [7]
  • Bestimmung des von Hüft- und Taillenumfang:
  • deutlich erhöhtes Risiko für sek. Stoffwechselerkrankungen bei Werten ab 88cm (w) oder 102cm (m) - Hüftumfang (auf Höhe des Trochanter major) [7]
  • Berechnung der waist-to-hip-ratio (WHR), also des "Taille-zu-Hüftumfang-Quotienten":
  • WHR > 0,85 (w) bzw. >1,0 (m): "androider Fettverteilungstyp": besonders hohes Komplikationsrisiko[7]
  • Blutdruckmessung, ggf. 24h-Blutdruckmessung
  • Labor: BB, TSH basal, Gesamt-Cholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride, Blutzucker (nüchtern), BZ-Tagesprofil, GOT, GPT, γ-GT, Lp(a), Homocystein, Harnsäure
  • Bei V.a. endokrine Störung zusätzlich: Dexamethason-Kurztest, Oraler Glucose-Toleranz-Test, HbA1c
  • Sonographie des Abdomens (Fettleber, Gallensteine, Arteriosklerose der Aorta)
  • Sonographie der Schilddrüse

Klinik

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Zur Klinik der Adipositas [7]:

  • Neben Übergewicht und übermäßigem Fettansatz kann eine überdurchschnittliche Größe imponieren (Adiposogigantismus)
  • Striae distensae im Bereich der Oberarme, Brust, Oberschenkel, Bauch und Hüften
  • Hautinfektionen in den Hautfalten
  • verminderte Belastbarkeit, rasche Erschöpfung
  • Gelenkbeschwerden
  • vermindertes Selbstwertgefühl

Therapie

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Die therapeutischen Möglichkeiten bei Adipositas umfassen Folgendes:

  • Ernährung umstellen, dabei Energiezufuhr reduzieren [12]
  • Gesunde, ausgewogene, fettarme Mischkost mit viel Gemüse und Obst [12]
  • Bei der Ernährungsumstellung sollte die Familie mit einbezogen werden (Langzeitcompliance) [12]
  • mehr Sport und Bewegung, körperliche Aktivität  und somit den Energieverbrauch steigern (z.B. Ausdauersportarten) [12]
  • wenn möglich Integration in eine Trainingsgruppe eines Adipositas-Therapiezentrums [12]
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern, Psychologen, Verhaltens-und Physiotherapeuten sowie Sportvereinen [4]
  • Erlernen von Strategien zur Problembewältigung und langfristigen Verhaltensänderung
  • Ziel der Therapie: dauerhafte Stabilisierung des Körpergewichts auf einem niedrigeren Niveau

Beachte: Eine alleinige Ernährungstherapie hat nur geringe Langzeiteffekte. Deshalb immer in Kombination mit anderen Therapiebausteinen durchführen! [12]

Chirurgische Therapie der Adipositas [13]:

  • Bei einem BMI ≥40 kg/m² ist bei Erschöpfung der konservativen Therapie nach umfassender Aufklärung eine bariatrische Operation indiziert
  • Bei einem BMI zwischen 35 und 40 kg/m² und mit mind. einer Adipositas-assoziierten Folge-/Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzkrankheit) ist eine chirurgische Therapie indiziert, sofern die konservative Therapie erschöpft ist
  • Bei Diabetes mellitus Typ 2 kann bereits bei einem BMI zwischen 30 und 35 kg/m² eine bariatrische Operation im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erwogen werden
  • Mögliche Verfahren sind das Einsetzen eines Magenbandes, Schlauchmagen, Roux-Y-Magen-Bypass oder die BPD mit duodenalem
    Switch (BPD-DS)
    . Ferner können ein Ein-Anastomosen-Bypass, biliopankreatische Teilung (BPD) oder die vertikale Bandplastik (VBP) eingesetzt werden

Komplikationen

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Bei der Adipositas sind folgende Komplikationen möglich [11]:

  • Metabolisches Syndrom mit Hypertonie, Dyslipoproteinämie, gestörter Glucosetoleranz
  • Diabetes mellitus
  • Arteriosklerose
  • Hyperurikämie, Cholelithiasis und Fettleber(hepatitis)
  • kardiovaskuläre Erkrankungen: KHK, Apoplex, Beinvenenthrombosen, thromboembolische Komplikationen
  • orthopädische Erkrankungen mit Fehlhaltungen, Arthrosen, Fehlstellungen und Epiphysiolysis
  • obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
  • Syndrom der polyzystischen Ovarien: Sterilität, Hirsutismus, Menstruationsbeschwerden
  • EPH-Gestose
  • Hormonelle Störungen: bei Männern vermehrte Östrogenproduktion, Potenzstörungen, bei Frauen durch mehr Androgene Haarausfall, Seborrhoe, Akne, sekundäre Amenorrhoe
  • Krebserkrankungen: Darmkrebs, Brustkrebs, Endometriumkarzinom, Prostatakebs
  • Infektionen der Haut in den Hautfalten: z.B. Pilzinfektionen (Intertrigo)
  • Striae der Haut
  • Verschlechterung anderer Vorerkrankungen: z.B. Herzinsuffizienz
  • psychosoziale Folgen wie vermindertes Selbstwertgefühl, Depression, Isolation und Essstörung mit Verstärkung der Adipositas

Zusatzhinweise

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Zusatzhinweise zur Adipositas:

Stadieneinteilung nach BMI [11]:

Normalgewicht - BMI 18,5 - 24,9 kg/m2

Präadipositas - BMI 25,0 - 29,9 kg/m2

Adipositas I° - BMI 30,0 - 34,9 kg/m2

Adipositas II° - BMI 35,0 - 39,9 kg/m2

Adipositas III° - BMI 40,0 kg/m2 oder mehr


Literaturquellen

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  1. (2009) Muntau A C - Intensivkurs Pädiatrie - Urban&Fischer
  2. (2008) Kreckmann M - Fallbuch Pädiatrie - Thieme
  3. (2007) Sitzmann F C - Pädiatrie Duale Reihe - Thieme
  4. (2009) Illing S, Claßen M - Klinikleitfaden Pädiatrie - Elsevier, Urban&Fischer
  5. (2006) Weylandt K, Klinggräff P - DD Innere Kurzlehrbuch der Inneren Medizin und differentialdiagnostisches Kompendium - Lehmanns Media
  6. (2009) Arasteh K, Baenkler H W, Bieber C - Innere Medizin, Duale Reihe - Thieme
  7. (2009) Herold G - Innere Medizin 2010 - Gerd Herold Verlag
  8. (2008) Renz-Polster H, Krautzig S - Basislehrbuch Innere Medizin - Urban & Fischer Verlag, Elsevier
  9. (2007) Piper W - Innere Medizin - Springer
  10. (2007) AWMF-Leitlinie - Adipositas - Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)
  11. (2007) AWMF-Leitlinie - Prävention und Therapie der Adipositas - Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG)
  12. (2009) AWMF-Leitlinie - Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter - Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter
  13. (2010) AWMF-Leitlinie - Chirurgie der Adipositas - Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V. (DGAV)
  14. (1997) Whitaker R C - Predicting obesity in young adulthood from childhood and parental obesity - N Engl J Med
  15. (2008) Ogden C L - Prevalence of high body mass index in US children and adolescents - J A M A
  16. (2000) Levine J A - Energy expenditure of nonexercise activity - Am J Clin Nutr
  17. (1985) Garn SM - Two-decade follow-up of fatness in early childhood - Am J Dis Child

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