Adipositas
Synonyme: Obesitas , Fettsucht, Fettleibigkeit
Definition
Adipositas
Die Adipositas im Kindesalter wird durch ein zu hohes Körpergewicht definiert, welches 20% über dem Längensollgewicht liegt. Der Wert des Body-Mass-Index (BMI) liegt über der 97. Perzentile.
Adipositas
Ätiologie
Adipositas
Zu den Ursachen der Adipositas zählen:
- Energiezufuhr höher als Energieverbrauch (Grundumsatz, Thermogenese und Aktivität)
Zwei Unterformen der Adipositas:
Primäre Adipositas - multifaktoriell bedingt [6; 10]:
- fehlerhafte Ernährung
- körperliche Inaktivität
- genetische Komponente (Leptin-Gen in Diskussion)
- metabolische Störungen
- Störungen im psychosozialen Umfeld
Weitere Risikofaktoren für die primäre Adipositas [4]:
- familiäre Belastung mit Adipositas
- einkommensschwache Familien
- niedriges Bildungsniveau
- Immigranten
Sekundäre Adipositas - Folge anderer Erkrankungen [6]:
- genetisch (z.B. Prader-Willi-Labhardt-Syndrom, Bardet-Biedl-Syndrom, Cohen-Syndrom, Fröhlich-Syndrom, Mixoploidie, Leptinmangel)
- endokrinologisch (z.B. Morbus Cushing, Wachstumshormonmangel, Hypothyreose)
- ZNS-Erkrankungen (z.B. Kraniopharyngeom)
- medikamentös (z.B. Steroide, Thyreostatika, Valproat, Insulin, Phenothiazine)
- Andere Tumorerkrankungen: Insulinome
- Chronische Erkrankungen, die immobilisieren
- Psychiatrische Erkrankungen
Adipositas Epidemiologie zu:
Adipositas
Epidemiologie
Adipositas
Zur Epidemiologie der Adipositas:
- die Prävalenz hat in den letzten 20 Jahren stark zugenommen [6; 7]
- etwa jedes 5. Kind (20%) leidet an Adipositas [6]
- auch die Anzahl schwerer Formen von Adipositas hat in letzter Zeit stark zugenommen [4]
- in den USA nahm die Prävalenz adipöser Schulkinder zwischen 1976 und 2008 von 6,5% auf 19,6% zu [9]
- in den USA verdoppelte sich die Prävalenz adipöser Kinder im Vorschulalter im gleichen Zeitraum (von 5% auf 10,4%) [9]
- in den USA betrug die Prävalenz von Übergewicht unter Kleinkindern und Säuglingen bei 9,5% zwischen 2007 und 2008 [9]
Adipositas Differentialdiagnosen zu:
Adipositas
Differentialdiagnosen
Adipositas
- Adipositas dolorosa
- Psychogene Störungen
- Glukokortikold-produzierendes Nebennierenadenom
- Störungen des Essverhaltens
- Zentrales Cushing-Syndrom
- Exogenes Cushing-Syndrom
- Insulinom
- Prader-Willi-Syndrom
- Insulinresistenz und metabolisches Syndrom
- Kraniopharyngeome
- Depression
- Bulimia nervosa
- Adipositas Grad I
- Adipositas Grad II
- Adipositas Grad III
- Diabetes Mellitus (Genetische Syndrome)
- Medikamentös induzierte Diabetesformen
- Medikamentöse Osteoporose
- Hypophysentumoren
- Hypothyreosen
- Osteoporose durch Immobilisation
- Laurance-Moon-Biedl-Syndrom
- Neuroendokrine Tumoren des Pankreas
Adipositas Anamnese zu:
Adipositas
Anamnese
Adipositas
Bei einer Adipositas sind folgende Informationen von Bedeutung:
- Welche Beschwerden bestehen? Seit wann?
- Ernährungsgewohnheiten: was wird gegessen/getrunken? wie oft? gemeinsames Essen in der Familie? Umgebungsfaktoren (TV, etc.)?
- wird Sport getrieben? seit wann? welcher? wie oft? allein oder mit anderen?
- Freizeitbeschäftigungen? Hobbies?
- Grunderkrankungen bekannt? Genetische Syndrome, Stoffwechselerkrankungen? Tumorerkrankungen?
- Hat sich das Sehen verschlechtert? Lähmungen?
- Werden Medikamente eingenommen? Insulin? Kortison-Derivate? Antiepileptika?
- Leiden andere Familienmitglieder an Adipositas? Eltern, Geschwister?
- Schwangerschaft unauffällig gewesen?
- War das Kind schon bei Geburt zu groß/schwer? Perzentilenkurven?
- Entwicklung nach der Geburt unauffällig?
- Kommt das Kind in der Schule gut mit?
- Soziale Kontakte? Freunde? Probleme in der Familie?
Adipositas Diagnostik zu:
Adipositas
Diagnostik
Adipositas
Zur diagnostischen Abklärung einer Adipositas sind relevant:
- Anamnese
- körperliche Untersuchung:
- Inspektion: ausladendes Abdomen? Acanthosis nigricans (z.B. im Nacken?) [4], Allgemeinzustand, syndromale Erkrankung? Fehlhaltungen?
- Auskultation, Palpation, Perkussion des Abdomens
- Trizeps-Hautfaltendicke bestimmen(Verlaufsparameter) [7]
- neurologischen Status erheben (Gesichtsfeld, Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination, Hirnnerven) [4]
- Gelenke untersuchen (Einschränkung der Beweglichkeit?), Mobilität prüfen
- Bestimmung des Gewichts und der Körperlänge (Perzentile, Berechnung des relativen BMIs)
- Pubertätsstadien nach Tanner beurteilen
- Blutdruckmessung, ggf. 24h-Blutdruckmessung [4]
- Labor: BB, TSH, Gesamt-Cholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride, Blutzucker (nüchtern), BZ-Tagesprofil, GOT, GPT, γ-GT, Lp(a), Homocystein, HbA1c, Oraler Glucose-Toleranz-Test, dabei auch Bestimmung von Insulin und HOMA-Index [4]
- Sonographie des Abdomens (Fettleber, Gallensteine) [4]
- Sonographie der Schilddrüse
- sozialpädiatrische Untersuchung: psychiatrische Erkrankung (z.B. Depression)?
Bei Verdacht auf sekundäre Adipositas:
- Chromosomenanalyse
- Hormonanalyse
- Röntgen der Hand zur Bestimmung des Knochenalters
Adipositas Klinik zu:
Adipositas
Klinik
Adipositas
Symptome der Adipositas sind [3; 6]:
- Neben Übergewicht und übermäßigem Fettansatz meist überdurchschnittliche Größe (Adiposogigantismus)
- Pseudogynäkomastie und Hypogenitalismus bei Jungen
- Verfrühter Pubertätsbeginn bei Mädchen, verspäteter Pubertätsbeginn bei Jungen
- Hirsutismus bei Mädchen
- Striae distensae im Bereich der Oberarme, Brust, Oberschenkel, Bauch und Hüften
- Hautinfektionen in den Hautfalten
- verminderte Belastbarkeit, rasche Erschöpfung
- Gelenkbeschwerden
Adipositas Therapie zu:
Adipositas
Therapie
Adipositas
Die therapeutischen Möglichkeiten bei Adipositas umfassen Folgendes:
- Ernährung umstellen, dabei Energiezufuhr reduzieren [7]
- Gesunde, ausgewogene, fettarme Mischkost mit viel Gemüse und Obst [7]
- Bei der Ernährungsumstellung sollte die Familie mit einbezogen werden (Langzeitcompliance) [7]
- mehr Sport und Bewegung, körperliche Aktivität und somit den Energieverbrauch steigern (z.B. Ausdauersportarten) [7]
- wenn möglich Integration in eine Trainingsgruppe eines Adipositas-Therapiezentrums [7]
- interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern, Psychologen, Verhaltens-und Physiotherapeuten sowie Sportvereinen [4]
- Erlernen von Strategien zur Problembewältigung und langfristigen Verhaltensänderung
- Ziel der Therapie: dauerhafte Stabilisierung des Körpergewichts auf einem niedrigeren Niveau
Chirurgische Therapieoptionen [7]:
- sind erst nach ausbleibendem Erfolg konservativer Therapieoptionen anzuwenden
- vornehmlich bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen
- Bei einem BMI ≥40 kg/m² ist bei Erschöpfung der konservativen Therapie nach umfassender Aufklärung eine bariatrische Operation indiziert
- Bei einem BMI zwischen 35 und 40 kg/m² und mit mind. einer Adipositas-assoziierten Folge-/Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzkrankheit) ist eine chirurgische Therapie indiziert, sofern die konservative Therapie erschöpft ist
- Bei Diabetes mellitus Typ 2 kann bereits bei einem BMI zwischen 30 und 35 kg/m² eine bariatrische Operation im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erwogen werden
- Mögliche Verfahren sind das Einsetzen eines Magenbandes, Schlauchmagen, Roux-Y-Magen-Bypass oder die BPD mit duodenalem
Switch (BPD-DS). Ferner können ein Ein-Anastomosen-Bypass, biliopankreatische Teilung (BPD) oder die vertikale Bandplastik (VBP) eingesetzt werden
Beachte: Eine alleinige Ernährungstherapie hat nur geringe Langzeiteffekte. Deshalb immer in Kombination mit anderen Therapiebausteinen durchführen! [7]
Adipositas Komplikationen zu:
Adipositas
Komplikationen
Adipositas
Bei der Adipositas sind folgende Komplikationen möglich [6]:
- Metabolisches Syndrom mit Hypertonie, Dyslipoproteinämie, gestörter Glucosetoleranz
- Diabetes mellitus
- Arteriosklerose
- Hyperurikämie, Cholelithiasis und Fettleber(hepatitis)
- kardiovaskuläre Erkrankungen
- orthopädische Erkrankungen mit Fehlhaltungen, Arthrosen, Fehlstellungen und Epiphysiolysis
- obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
- Syndrom der polyzystischen Ovarien: Sterilität, Hirsutismus, Menstruationsbeschwerden
- psychosoziale Folgen wie vermindertes Selbstwertgefühl, Depression, Isolation und Essstörung mit Verstärkung der Adipositas
- Infektionen der Haut in den Hautfalten: z.B. Pilzinfektionen
Adipositas Zusatzhinweise zu:
Adipositas
Zusatzhinweise
Adipositas
Folgende Zusatzhinweise bei der Adipositas sind bedeutsam:
- Prognose: nur bei konsequent durchgeführter Therapie gut, nur 30% der Kinder dauerhaft geheilt, chronische Folgeerkrankungen mit hoher Morbidität und Mortalität im Erwachsenenalter verbunden
- der relative BMI bezieht sich auf die alters-und geschlechtsspezifische 50.Perzentile
- Stadieneinteilung [7]:
- Übergewicht: BMI > 90. Perzentile
- Adipositas: BMI > 97. Perzentile
- extreme Adipositas: > 99,5. Perzentile
Herausragende Bedeutung der Adipositas im Kindesalter für das Erwachsenenalter [9]:
- ca. 25% aller adipösen Vorschulkinder werden auch im Erwachsenenalter adipös sein [11]
- etwa 50% der adipösen 6-Jährigen und ca. 80% der adipösen 10-14-Jährigen, die ein adipöses Elternteil haben, werden im Erwachsenenalter adipös sein [8]
Adipositas Literaturquellen zu:
Adipositas
Literaturquellen
Adipositas
- (2009) Muntau A C - Intensivkurs Pädiatrie - Urban&Fischer
- (2008) Kreckmann M - Fallbuch Pädiatrie - Thieme
- (2007) Sitzmann F C - Pädiatrie Duale Reihe - Thieme
- (2009) Illing S, Claßen M - Klinikleitfaden Pädiatrie - Elsevier, Urban&Fischer
- (2007) AWMF-Leitlinie - Adipositas - Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)
- (2007) AWMF-Leitlinie - Prävention und Therapie der Adipositas - Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG)
- (2009) AWMF-Leitlinie - Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter - Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter
- (1997) Whitaker R C - Predicting obesity in young adulthood from childhood and parental obesity - N Engl J Med
- (2008) Ogden C L - Prevalence of high body mass index in US children and adolescents - J A M A
- (2000) Levine J A - Energy expenditure of nonexercise activity - Am J Clin Nutr
- (1985) Garn SM - Two-decade follow-up of fatness in early childhood - Am J Dis Child
Adipositas
Assoziierte Krankheitsbilder zu Adipositas
- Hypophysentumoren
- Medikamentöse Osteoporose
- Osteoporose durch Immobilisation
- Diabetes Mellitus (Genetische Syndrome)
- Medikamentös induzierte Diabetesformen
- Adipositas dolorosa
- Adipositas Grad I
- Adipositas Grad II
- Adipositas Grad III
- Anorexia nervosa
- Bulimia nervosa
- Exogenes Cushing-Syndrom
- Glukokortikold-produzierendes Nebennierenadenom
- Hypothyreosen
- Insulinom
- Insulinresistenz und metabolisches Syndrom
- Kraniopharyngeome
- Neuroendokrine Tumoren des Pankreas
- Prader-Willi-Syndrom
- Störungen des Essverhaltens
- Zentrales Cushing-Syndrom
- Depression
- Laurance-Moon-Biedl-Syndrom
- Psychogene Störungen
- ...gesamte Liste anzeigen
Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in med2click
Am häufigsten aufgerufene Krankheitsbilder in Pädiatrie
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